„Was machst du hier, lieb Mägdelein!
Am Wasser tief und schnelle?
Und sitzest da am Bach allein,
Mit nassen, rothen Bäckelein,
Und guckst auf eine Stelle?
Hat dich der Vater was bedroht?
Bekommst du heut kein Morgenbrod?
Hat Bruder dich geschlagen?
Du kannst mir alles sagen.“

Das Mägdlein schaut ihm ins Gesicht,
Sieht, kehrt sich weg und redet nicht.
„Sag, wo bist du zu Hause?“
„„Herr, dort in jener Klause.““ —

Er kriecht zur kleinen Thür hinein,
Und findt ein hagres Mütterlein
Auf schlechten Binsen liegen.
„Sagt, gute Frau, was fehlt dem Kind?
Es sitzt da draußen in dem Wind,
Und ist nicht still zu kriegen.“

„„Ach, lieber Herr!““ das Mütterlein
Mit schwerem Husten saget,
„„Es geht den ganzen Tag allein
Und leidt nicht, daß man’s fraget;
Es hat von seiner Kindheit an
Nichts als beständig weinen ’than.““

„So wahr ein Gott im Himmel ist!
Euch muß was heimlich quälen;
Ihr sagt nicht alles, was ihr wißt,
Ihr sollt mir nichts verhehlen.“

„„Nun, lieber Herr““ — und faßt den Mann
Mit beiden welken Händen an —
„„Geht an den Strom, fallt auf die Knie,
Und dann kommt wieder morgen früh;
Wird sich mein Husten kehren,
So sollt ihr alles hören.““

Der Blick, der Ton, der Händedruck
Dem Fremden an die Seele schlug.
Er geht zum Bach, fällt auf die Knie,
Kömmt zu dem Weiblein Morgens früh,
Findt sie in bittern Zähren.
„„Ach Herr! was uns verloren gieng,
Kann dieses Blatt und dieser Ring
Am besten euch erklären.““

Mit diesem Wort zieht sie ein Tuch
Aus ihrer Brust, darin ein Buch
Und in dem Buch ein Blättlein war,
Bemalt mit bunten Farben zwar,
Und an dem Farbenblättlein hieng,
Als Siegel ihr Verlöbnißring.

Auf diesem Blättlein schwamm ein Weib
Im höchsten Strom mit halbem Leib.
Ihr Kahn war umgeschlagen;
Und an des Weibes Rocke faßt
Ihr Ehmann sich, doch diese Last
Schien’s Wasser nicht zu tragen.