Ueber meine unvermuthete Rückkunft war Herr L... betroffen und etwas bestürzt, meine Frau aber entzückt, und bald darauf, nach einiger Unterredung, auch Herr L...
Ich hörte, daß in meiner Abwesenheit Vieles, auf Herrn L...’s Umstände Passendes und für ihn Nützliches, gesprochen worden, ohngeachtet meine Frau die Umstände selbst, die ich erst auf meiner Reise erfuhr, nicht wußte.
Ich erfuhr ferner, daß Herr L..., nach vorhergegangenen eintägigen Fasten, Bestreichung des Gesichtes mit Asche, Begehrung eines alten Sackes, den 3. Hornung ein zu Fouday so eben verstorbenes Kind, das Friedericke hieß, aufwecken wollte, welches ihm aber fehlgeschlagen.
Er hatte eine Wunde am Fuß hieher gebracht, die ihn hinken machte und ihn nöthigte hier zu bleiben. Meine Frau verband sie ihm täglich, und man konnte baldige Heilung hoffen. Durch das unruhige Hin- und Herlaufen aber, da er das Kind erwecken wollte, verschlimmerte sich die Wunde so sehr, daß man die Entzündung mit erweichenden Aufschlägen wahren mußte. Auf unsre und Herrn K...’s häufige Vorstellungen hatte er sein Baden eingestellt, um die Heilung der Wunde zu befördern. In der Nacht aber, zwischen dem 4. und 5. Hornung, sprang er wieder in den Brunnentrog, mit heftiger Bewegung, um, wie er nachher gestand, die Wunde auf’s Neue zu verschlimmern.
Seit Herrn K...’s Besuch logirte Herr L... nicht mehr im Schulhaus, sondern bei uns in dem Zimmer über der Kindsstube. Den Tag hindurch war er auf meiner Stube, wo er sich mit Zeichnen und Malen der Schweizergegenden, mit Durchblättern und Lesen der Bibel, mit Predigtschreiben, und Unterredung mit meiner Frau beschäftigte.
Den 5. Hornung kam ich von meiner Reise zurück; er war, wie ich oben gesagt, anfangt darüber bestürzt, und bedauerte sehr, daß ich nicht in der Schweiz gewesen. Ich erzählte ihm, daß Herr Hofrath Pfeffel die Landgeistlichen so glücklich schätzt, und ihren Stand beneidenswerth hält, weil er so unmittelbar zur Beglückung des Nächsten aufweckt. Es machte Eindruck auf ihn. Ich bediente mich dieses Augenblicks, ihn zu ermahnen, sich dem Wunsche seines Vaters zu unterwerfen, sich mit ihm auszusöhnen u. s. w.
Da ich bei manchen Gelegenheiten wahrgenommen, daß sein Herz von fürchterlicher Unruhe gemartert wurde, sagte ich ihm, er würde sodann wieder zur Ruhe kommen, und schwerlich eher, denn Gott wüßte seinem Worte: „Ehre Vater und Mutter,“ Nachdruck zu geben u. s. w.
Alles, was ich sagte, waren nur meistens Antworten auf abgebrochene, oft schwer zu verstehende Worte, die er in großer Beklemmung seines Herzens ausstieß. Ich merkte, daß er bei Erinnerung gethaner, mir unbekannter, Sünde schauderte, an der Möglichkeit der Vergebung verzweifelte; ich antwortete ihm darauf; er hob seinen niederhängenden Kopf auf, blickte gen Himmel, rang die Hände, und sagte: „Ach! ach! göttlicher Trost — ach — göttlich, o — ich bete — ich bete an!“ Er sagte mir sodann ohne Verwirrung, daß er nun Gottes Regierung erkenne und preise, die mich so bald, ihn zu trösten, wieder heimgeführt.
Ich gieng im Zimmer hin und her, packte aus, legte in Ordnung, stellte mich zu ihm hin. Er sagte mit freundlicher Miene: „Bester Herr Pfarrer, können Sie mir doch nicht sagen, was das Frauenzimmer macht, dessen Schicksal mir so zentnerschwer auf dem Herzen liegt?“ Ich sagte ihm, ich wisse von der ganzen Sache nichts, ich wolle ihm in allem, was ihn wahrhaft beruhigen könne, aus allen Kräften dienen, er müßte mir aber Ort und Personen nennen. Er antwortete nicht, stand in der erbärmlichsten Stellung, redete gebrochene Worte: „Ach! ist sie todt? Lebt sie noch? — Der Engel, sie liebte mich — ich liebte sie, sie war’s würdig — o, der Engel! — Verfluchte Eifersucht! ich habe sie aufgeopfert — sie liebte noch einen Andern — aber sie liebte mich — ja herzlich — aufgeopfert — die Ehe hatte ich ihr versprochen, hernach verlassen — o, verfluchte Eifersucht — — O, gute Mutter! auch die liebte mich — ich bin euer Mörder!“