Ich antwortete wie ich konnte, sagte ihm unter Anderm, vielleicht lebten diese Personen alle noch, und vielleicht vergnügt; es mag sein wie es wolle, so könnte und würde Gott, wenn er sich zu ihm bekehrt haben würde, diesen Personen auf sein Gebet und Thränen, so viel Gutes erweisen, daß der Nutzen, den sie sodann von ihm hätten, den Schaden, so er ihnen zugefügt, leicht und vielleicht weit überwiegen würde. — Er wurde jedoch nach und nach ruhiger und gieng an sein Malen.

Herr C... hatte mir zu Emmendingen einige in Papier gepackte Gerten nebst einem Brief für ihn mitgegeben. Eines Males kam er zu mir; auf der linken Schulter hatte er ein Stück Pelz, so ich, wenn ich mich der Kälte lange aussetzen muß, auf den Leib zu legen gewohnt bin. In der Hand hielt er die noch eingepackten Gerten; er gab sie mir, mit Begehren, ich solle ihn damit herumschlagen. Ich nahm die Gerten aus seiner Hand, drückte ihm einige Küsse auf den Mund und sagte: dieß wären die Streiche, die ich ihm zu geben hätte, er möchte ruhig sein, seine Sachen mit Gott allein ausmachen; alle möglichen Schläge würden keine einzige seiner Sünden tilgen, dafür hätte Jesus gesorgt, zu dem möchte er sich wenden. Er gieng.

Beim Nachtessen war er etwas tiefsinnig. Doch sprachen wir von allerlei. Wir giengen endlich vergnügt von einander und zu Bette. — Um Mitternacht erwachte ich plötzlich; er rannte durch den Hof, rief mit harter, etwas hohler Stimme einige Sylben, die ich nicht verstand; seitdem ich aber weiß, daß seine Geliebte Friedericke[9] hieß, kommt es mir vor, als ob es dieser Name gewesen wäre, — mit äußerster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung ausgesprochen. Er stürzte sich, wie gewöhnlich, in den Brunnentrog, patschte drin, wieder heraus und hinauf in sein Zimmer, wieder hinunter in den Trog, und so einige Mal — endlich wurde er still. Meine Mägde, die in dem Kindsstübchen unter ihm schliefen, sagten, sie hätten oft, insonderheit aber in selbiger Nacht, ein Brummen gehört, das sie mit nichts als mit dem Ton einer Habergeise zu vergleichen wüßten. Vielleicht war es sein Winseln mit hohler, fürchterlicher, verzweifelnder Stimme.

Freitag den 6ten, den Tag nach meiner Zurückkunft, hatte ich beschlossen, nach Rothau zu Herrn Pfarrer Schweighäuser zu reiten. Meine Frau gieng mit. Sie war schon fort, und ich im Begriff auch abzureisen. Aber welch ein Augenblick! Man klopft an meiner Thüre, und Herr L... tritt herein mit vorwärts gebogenem Leibe, niederwärts hängendem Haupt, das Gesicht über und über und das Kleid hier und da mit Asche verschmiert, mit der rechten Hand an dem linken Arm haltend. Er bat mich, ihm den Arm zu ziehen, er hätte ihn verrenkt, er hätte sich vom Fenster heruntergestürzt; weil es aber Niemand gesehen, möcht’ ich’s auch Niemand sagen.

Ich that was er wollte, und schrieb eilends an Sebastian Scheidecker, Schullehrer von Bellefosse, er solle herunter kommen, Herrn L... hüten. Ich eilte fort. Sebastian kam und richtete seine Commission unvergleichlich aus, stellte sich, als ob er mit uns hätte reden wollen, sagte ihm, daß, wenn er wüßte, daß er ihm nicht überlästig oder von etwas abhielte, wünschte er sehr, einige Stunden in seiner Gesellschaft zu seyn. Herr L... nahm es mit besonderem Vergnügen an, und schlug einen Spaziergang nach Fouday vor, — gut. Er besuchte das Grab des Kindes, das er hatte erwecken wollen, kniete zu verschiedenen Malen nieder, küßte die Erde des Grabes, schien betend, doch mit großer Verwirrung, riß etwas von der auf dem Grabe stehenden Krone ab, als ein Andenken, gieng wieder zurück gen Waldersbach,[10] kehrte wieder um, und Sebastian immer mit. Endlich mochte Herr L... die Absicht seines Begleiters errathen; er suchte Mittel ihn zu entfernen. Sebastian schien ihm nachzugeben, fand aber heimlich Mittel, seinen Bruder Martin von der Gefahr zu benachrichtigen, und nun hatte Herr L... zween Aufseher statt einen. Er zog sie wacker herum; endlich gieng er nach Waldersbach zurück, und da sie nahe am Dorf waren, kehrte er wie ein Blitz um, und sprang, ungeachtet seiner Wunde am Fuß, wie ein Hirsch gen Fouday zurück. Sebastian kam zu uns, um das Vorgegangene zu berichten, und sein Bruder setzte dem Kranken nach. Indem er ihn zu Fouday suchte, kamen zwei Krämer und erzählten ihm, man hätte in einem Hause einen Fremden gebunden, der sich für einen Mörder ausgäbe, und der Justiz ausgeliefert sein wollte, der aber gewiß kein Mörder sein könne. Martin lief in das Haus und fand es so; ein junger Mensch hatte ihn, auf sein ungestümes Anhalten, in der Angst gebunden. Martin band ihn los und brachte ihn glücklich nach Waldersbach. Er sah verwirrt aus; da er aber sah, daß ich ihn wie immer freundschaftlich und liebreich empfieng und behandelte, bekam er wieder Muth, sein Gesicht veränderte sich vortheilhaftig, er dankte seinen beiden Begleitern freundlich und zärtlich, und wir brachten den Abend vergnügt zu.

Ich bat ihn inständig nicht mehr zu baden, die Nacht ruhig im Bette zu bleiben, und wann er nicht schlafen könnte, sich mit Gott zu unterhalten u. s. w. Er versprach’s, und wirklich that er’s die folgende Nacht; unsere Mägde hörten ihn fast die ganze Nacht hindurch beten.

Den folgenden Morgen, Samstag den 7ten, kam er mit vergnügter Miene auf mein Zimmer. Ich hoffte, wir würden bald am Ende unserer gegenseitigen Qual seyn; aber leider der Erfolg zeigte was anders.

Nachdem wir Verschiedenes gesprochen hatten, sagte er mir mit ausnehmender Freundlichkeit: „Liebster Herr Pfarrer, das Frauenzimmer, von dem ich ihnen sagte, ist gestorben, ja gestorben — o, der Engel!“ — Woher wissen Sie das? — „Hieroglyphen — Hieroglyphen!“ — und dann gen Himmel geschaut und wieder: „Ja — gestorben — Hieroglyphen!“ — Er schrieb einige Briefe, gab mir sie sodann zu, mit Bitte, ich möchte noch selbst einige Zeilen darunter setzen.

Ich hatte mit einer Predigt zu thun und steckte die Briefe indessen in meine Tasche. In dem einen an eine adelige Dame in W. schien er sich mit Abadonna zu vergleichen; er redete von Abschied. — Der Brief war mir unverständlich, auch hatte ich nur einen Augenblick Zeit ihn zu übersehen, eh ich ihn von mir gab. In dem andern an die Mutter seiner Geliebten, sagt er, er könne ihr dießmal nicht mehr sagen, als daß ihre Friedericke nun ein Engel sey und sie würde Satisfaktion bekommen.