Der Tag gieng vergnügt und gut hin. Gegen Abend wurde ich nach Bellefosse zu einem Patienten geholt. Da ich zurückkam, kam mir Herr L... entgegen. Es war gelind Wetter und Mondschein. Ich bat ihn, nicht weit zu gehen und seines Fußes zu schonen. Er versprach’s.
Ich war nun auf meinem Zimmer und wollte ihm Jemand nachschicken, als ich ihn die Stieg herauf in sein Zimmer gehen hörte. Einen Augenblick nachher platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es mir unmöglich von dem Fall eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todtblaß und am ganzen Leibe zitternd zu meiner Frau: Herr L... hätte sich zum Fenster hinausgestürzt. Meine Frau rief mir mit verwirrter Stimme — ich sprang heraus, und da war Herr L... schon wieder in seinem Zimmer.
Ich hatte nur einen Augenblick Gelegenheit einer Magd zu sagen: «Vite, chez l’homme juré, qu’il me donne deux hommes,» und hierauf zu Herrn Lenz.
Ich führte ihn mit freundlichen Worten auf mein Zimmer; er zitterte vor Frost am ganzen Leibe. Am Oberleib hatte er nichts an als das Hemd, welches zerrissen und sammt der Unterkleidung über und über kothig war. Wir wärmten ihm ein Hemd und Schlafrock und trockneten die seinigen. Wir fanden, daß er in der kurzen Zeit, die er ausgegangen war, wieder mußte versucht haben sich zu ertränken, aber Gott hatte auch da wieder gesorgt. Seine Kleidung war durch und durch naß.
Nun, dachte ich, hast du mich genug betrogen, nun mußt du betrogen, nun ist’s aus, nun mußt du bewacht seyn. Ich wartete mit großer Ungeduld auf die zwei begehrten Mann. Ich schrieb indessen an meiner Predigt fort und hatte Herrn L... am Ofen, einen Schritt weit von mir sitzen. Keinen Augenblick traute ich von ihm, ich mußte harren. Meine Frau, die um mich besorgt war, blieb auch. Ich hätte so gerne wieder nach den begehrten Männern geschickt, konnte aber durchaus nicht mit meiner Frau oder sonst Jemand davon reden; laut, hätte er’s verstanden, heimlich, das wollten wir nicht, weil die geringste Gelegenheit zu Argwohn auf solche Personen allzu heftig Eindruck macht. Um halb neun giengen wir zum Essen; es wurde, wie natürlich, wenig geredet; meine Frau zitterte vor Schrecken und Herr L... vor Frost und Verwirrung.
Nach kaum viertelstündigem Beisammensitzen fragte er mich, ob er nicht hinauf in mein Zimmer dürfte? — Was wollen sie machen, mein Lieber? — etwas lesen — gehen Sie in Gottes Namen; — er gieng, und ich, mich stellend, als ob ich genug gegessen, folgte ihm.
Wir saßen; ich schrieb, er durchblätterte meine französische Bibel mit furchtbarer Schnelle, und ward endlich stille. Ich gieng einen Augenblick in die Stubkammer, ohne im allergeringsten mich aufzuhalten, nur etwas zu nehmen, das in dem Pult lag. Meine Frau stand inwendig in der Kammer an der Thür und beobachtete Herrn L...; ich faßte den Schritt wieder herauszugehen, da schrie meine Frau mit gräßlicher, hohler, gebrochener Stimme: „Herr Jesus, er will sich erstechen!“ In meinem Leben habe ich keinen solchen Ausdruck eines tödtlichen, verzweifelten Schreckens gesehen, als in dem Augenblick, in den verwilderten, gräßlich verzogenen Gesichtszügen meiner Frau.
Ich war haußen. — Was wollen Sie doch immer machen, mein Lieber? — Er legte die Scheere hin. — Er hatte mit scheußlich starren Blicken umher geschaut, und da er Niemand in der Verwirrung erblickte, die Scheere still an sich gezogen, mit fest zusammengezogener Faust sie gegen das Herz gesetzt, alles dieß so schnell, daß nur Gott den Stoß so lange aufhalten konnte, bis das Geschrei meiner Frau ihn erschreckte und etwas zu sich selber brachte. Nach einigen Augenblicken nahm ich die Scheere, gleichsam als in Gedanken und wie ohne Absicht auf ihn, hinweg; dann, da er mich feierlich versichern wollte, daß er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte, wollte ich nicht thun, als wenn ich ihm gar nicht glaubte.
Weil alle vorigen Vorstellungen wider seine Entleibungssucht nichts bei ihm gefruchtet hatten, versuchte ich’s auf eine andere Art. Ich sagte ihm: Sie waren bei uns durchaus ganz fremd, wir kannten sie ganz und gar nicht; ihren Namen haben wir ein einzigmal aussprechen hören, ehe wir Sie gekannt; wir nahmen Sie mit Liebe auf, meine Frau pflegte Ihren kranken Fuß mit so großer Geduld, und Sie erzeigen uns so viel Böses, stürzen uns aus einem Schrecken in den andern. — Er war gerührt, sprang auf, wollte meine Frau um Verzeihung bitten; sie aber fürchtete sich nun noch so viel vor ihm, sprang zur Thüre hinaus; er wollte nach, sie aber hielt die Thüre zu. — Nun jammerte er, er hätte meine Frau umgebracht, das Kind umgebracht, so sie trage; Alles, Alles bring’ er um, wo er hin käme. — Nein, mein Freund, meine Frau lebt noch und Gott kann die schädlichen Folgen des Schreckens wohl hemmen, auch würde ihr Kind nicht davon sterben, noch Schaden leiden. — Er wurde wieder ruhiger. Es schlug bald zehn Uhr. Indessen hatte meine Frau in die Nachbarschaft um schleunige Hülfe geschickt. Man war in den Betten; doch kam der Schulmeister, that, als ob er mich etwas zu fragen hätte, erzählte mir etwas aus dem Kalender, und Herr L..., der indessen wieder munter wurde, nahm auch Theil am Discurs, wie wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.
Endlich winkte man mir, daß die zwei begehrten Männer angekommen — o wie war ich so froh! Es war Zeit. Eben begehrte Herr L... zu Bette zu gehen. Ich sagte ihm: „Lieber Freund, wir lieben Sie, Sie sind davon überzeugt, und Sie lieben uns, das wissen wir eben so gewiß. Durch Ihre Entleibung würden Sie Ihren Zustand verschlimmern, nicht verbessern; es muß uns also an Ihrer Erhaltung gelegen seyn. Nun aber sind Sie, wenn Sie die Melancholie überfällt, Ihrer nicht Meister; ich habe daher zwei Männer gebeten in Ihrem Zimmer zu schlafen (wachen dachte ich), damit Sie Gesellschaft, und wo es nöthig, Hülfe hätten.“ Er ließ sich’s gefallen.