[3] In diesem Briefe spricht Goethe — was zu Verhüthung von Mißverständnissen nicht unbemerkt gelassen werden darf — von der homiletischen Bearbeitung der Offenbarung Jesu an Johannes, welche Lavater bald nach seinem Antritte des Diakonates zu St. Peter in Zürich (1778) für seine wöchentlichen Abendpredigten zu erklären anfing. Um eben diese Zeit aber bearbeitete L. in der Vollkraft seines Geistes und folgend dem Triebe seiner rastlosen, man möchte beynahe sagen, übermenschlichen Thätigkeit dasselbe Buch auch poetisch in einem Gedichte, welches im Jahr 1780, unter dem Titel: Jesus Messias oder die Zukunft des Herrn, in vier und zwanzig Gesängen, in Zürich ans Licht trat. Siehe Lavaters Lebensbeschr. von seinem Tochtermann G. Geßner, Bd. II. S. 222. u. ff. Auf dieses poetische Werk beziehn sich die, mit den vorliegenden gar sehr contrastirenden, Aeußerungen Goethes im 17, 20. u. 21ten Briefe.
A. d. H.
17.
Genf den 2. Nvbr. 1779.
Eh ich von hier weggehe noch einige Worte lieber Bruder eh wir uns tiefer in die Gebirge verlieren in die wir unter Garantie des Herrn de Saussure einen Versuch wagen, von hier aus gehts in die Savoiischen Eisgebirge und ins Wallis.
Deine Offenbahrung hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal gelesen. Schon da Tobler mir sagte du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gabs mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber empfunden hast und es in einem so fremden Vehiculo ohne fremden, vielmehr eigentlich heterogenen Zusaz wieder aus dir heraus quellen lassen konntest, denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmahlung keinen andern Eindruk als die Original Skize macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen die du hineinlegst selbst von Kindheit an größtentheils hinein zu legen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von statten gangen, einige trefliche Züge der Auslegung und Erfindung sind drinne. Ausgemahlt sind viele Stellen ganz treflich, besonders alle die der innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, w. z. B. die Verheissung des ewigen Lebens, das Weiden der Schaafe unter Palmen, das siegende Gefühl der Engel, eh und indem sie die Schlacht anfangen. In einigen Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten, nur schwinden deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf auf, doch ist auch dies wenn ichs recht bedenke das klügste Theil das du ergreiffen konntest. Es ist mir leid daß ich die zwölf folgenden Gesänge nicht gleich habe. Bey dieser Gelegenheit lies ich mir den griechischen Text wieder geben und sah auch Piscators Uebersezung an.
Nun noch ein herzlich Wort der Sehnsucht an dich, und der Hoffnung, sie wird alle Tage stärker. Lass uns ia einander bleiben, einander mehr werden, denn neue Freunde und Lieben mach ich mir nicht.
Mit Toblern weis ich nicht wies war. Er hat wohl Nähe und Vertrauen zu mir. Aber leider fühl ich meine 30 Jahr und Weltwesen!! schon einige Ferne von dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenns noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah aber mein Herz ist fremd. Grose Gedanken die dem Jüngling ganz fremd sind, füllen iezt meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so komm ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaus und der Morgenbegattung lieblicher Turteltauben. Er sagt dir vielleicht wies ihm mit mir war. Wohl ists uns zusammen nicht worden.
Adieu guter. Meine Seele ist immer bey dir.