35.
Ehe ich auf einige Zeit von hier weggehe, muß ich dir noch einmahl schreiben. Zuförderst danke ich dir, du Menschlichster, für deine gedruckten Briefe. Es ist natürlich daß sie das Beste von allen deinen Schrifften seyn müssen. Wie du vorausgesehen hast, nehmen dir viele, und auch gute Menschen, diesen Schritt übel, doch du weist am besten was du thun kannst, und fühlst wohl daß dir erlaubt ist was keinem. Das Menschliche und dein Betragen gegen Menschen darinnen ist höchst liebenswürdig, und mich macht es recht glücklich, daß ich keine Zeile anders lese als du sie geschrieben hast, daß ich den inneren Zusammenhang der manichfaltigen Aeuserungen erkenne. Denn für den eigentlichen Menschenverstand, was man gewöhnlich so nennet, und worauf eine gewisse Gattung von Köpfen die andere modelt, ist und bleibt auch hierinn wie in allen deinen Sachen, manches unverständlich. Selbst deinen Christus hab ich noch niemals so gern als in diesen Briefen angesehen und bewundert. Dein 122. Brief über dich selbst ist vortrefflich, und du verfehlst deines Endzweckes nicht, dich durch diese Aeuserungen deinen Freunden und Liebsten immer näher zu bringen, vor ihnen immer wahrer und ganzer zu erscheinen.
Deine Poesien, davon mir Reich ein Ex. verehrt hat, sind auch mir als Aufschluß deines Innersten, und als Bild deines äusern Lebens sehr willkommen. Mit gutem Vorbedacht hast du sie deinen Freunden gewidmet, denn sie schließen sich so an deine Individualität an, daß niemand der dich nicht liebt, und nicht kennt, eigentlich was damit zu machen weiß.
Unser Bildhauer hat eine vortreffliche Büste von Herder gemacht, davon dir auch ein Abguß zugeschickt werden soll. Du wirst, auch ohne ihn zu kennen, an ihrer wahren Unwahrheit wieder deine grose Freude haben.
Was die geheimen Künste des Caliostro betrifft, bin ich sehr mistrauisch gegen alte Geschichten. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Cloacken miniret wie eine grose Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang, und ihrer Bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denckt und sinnt, nur wird es dem, der davon einige Kundschafft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht, und hier wunderbare Stimmen gehört werden.
Ich habe der Schultheß den Anfang eines neuen Dramas geschickt, lies es auch wenn du Zeit findest, und zeigt mir es sonst niemand. Tobler wird dir geschrieben haben seitdem er von uns weg ist, wir haben ihn gar lieb gewonnen, und es ist ihm bey uns so wohl gewesen, als unter seinen Umständen möglich war.
Grüse deine Frau, und gedenckt meiner am braunen Tische. Grüse auch Pfenninger und die Orells.
Schließlich bitte ich dich fortzufahren, mir mit deinem Geiste und deiner Art wohl zu thun und nüzlich zu seyn, und mir, wenn du etwas über, vor, oder wider mich weist, es nicht zu verheelen, sondern wie bisher, und wo möglich noch mehr, eine gute und lebendige Wirckung unter uns zu erhalten.
Weimar den 22. Juny
1784.
G.