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Arbeiten und Zerstreuungen haben mich abgehalten dir früher für deinen Brief zu danken.
Ich bin geneigter als iemand noch eine Welt außer der sichtbaren zu glauben und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eigenes beschränktes Selbst zu einem Schwedenborgischen Geisteruniversum erweitert zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das alberne und eckelhafte menschlicher Exkremente durch eine feine Gährung abgesondert und der reinlichste Zustand in den wir versezt werden können, empfunden werde.
Das mir überschickte Portrait gefällt mir ausnehmend wohl, und zeigt von einem männlichen Mahler. Es ist wohlgesehen und wohl angelegt, Schade daß er nicht Zeit gehabt hat es weiter auszuführen. Der Charackter scheint mir sprechend und die Stellung gut gemahlt zu seyn. Nur hat es mich wundern müßen, daß einige unbefangene Personen, und besonders ein Kind, das sehr wohl organisirt, und in allen seinen Urtheilen über sinnliche Dinge höchst zuverläßig ist, es nicht erkannt haben. Ich machte darüber meine Betrachtungen, besonders da der Knabe auf einige verwandte Gesichter rieth, und ich glaube es liegt vorzüglich in der Farbe und in der mehreren Männlichkeit und Stärke der Züge die das Original freilich nicht hat. Genug es gefällt mir so wohl, daß ich es für mich behalten werde und danke dir also auf das Beste dafür.
Knebel ist hier weg und wird sich diesen Winter bey den Seinigen aufhalten. Er ist die Ursache daß Tobler so lange gezögert hat. Dieser wird nun bey dir angelangt seyn und dir mehr von uns erzählen können und mögen als in vielen Briefen ichs nicht thun könnte, und dürfte. Ich wünsche daß es ihm bey euch wohl gehen möge, welches, da er durch den Genuß der weitern Welt ziemlich verwöhnt seyn mag, vielleicht im Anfange schwerer halten wird.
Mit dem nächsten Postwagen geht an B. der vollendete zweyte Ackt meines Taßo ab. Ich wünsche daß er auch für dich geschrieben seyn möge.
Die Unruhe in der ich lebe läßt mich nicht über dergleichen vergnüglichen Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch noch nicht den Raum vor mir die übrigen Ackte zu enden. Es geht mir übrigens wie es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von einem Geiste des Widerspruches außer sich gesezt, sich in neue Verbindungen von Unkosten zu stürzen pflegen.
Auf deinen Pilatus bin ich sehr begierig, schicke wenn du kannst und willst ein Stück davon.
Die Frau von der Lühe habe ich in Gotha gesehen. Sie findet sich nach ihrer Art daselbst wohl. Er ist eine sehr gute Art Menschen, verständig und gewißenhafft. Man legt ihm keine Hinderniße bey seiner Erziehung in den Weg, und der Herzog beträgt sich auf das Beste gegen ihn.
Auf unserer Zeichnungsakademie habe ich mir diesen Winter vorgenommen mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nuzen, sie auf das merckwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen und sie dadurch auf die erste Stufe zu stellen, das bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen Text, woran sich alles Leben und alles menschliche anhängen läßt, habe dabey den Vortheil zweimal die Woche öffentlich zu reden, und mich über Dinge die mir werth sind mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten. Ein Vergnügen welchem man in unserm gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- und Hofleben gänzlich entsagen muß. Diejenigen Theile die abgehandelt werden, zeichnet alsdenn ein ieder und macht sie sich zu eigen. Dabey habe ich mir vorgenommen das Wort Phisiognomik und Phisiognomie gar nicht zu brauchen, vielmehr die Ueberzeugung davon durch die ganze Reihe des Vortrages einem jeden einleuchten zu laßen.