Das muß gesungen seyn. Da alles singet
In unsern Tagen, schwieg’ ich lang.
Die Freude, dacht’ ich, welche klinget,
Verliert sich schneller als ihr Klang.
Doch deine stille Lust die niemand neidet,
Die niemand fühlt, als du allein, und ich,
Wird die mit einem Lied’ umkleidet,
Erhöhet und verbessert sich.

Was hält mich ab dir dieses Lied zu zeigen?
Ach du verstehst es nicht. Doch zeig’ ich’s hier
Den Bäumen, die wie du ihr Glück verschweigen.
Heut’ Abend sitz hieher, dann rauschen sie es dir.

Die Geschichte auf der Aar.

Aus einem Briefe an Herrn Pf. Mäder in Mühlhausen, von Herrn Pf. Luce in Münster, vom 14. August 1806; im alsatischen Taschenbuch 1807.

„Sie haben vermuthlich den guten Lenz, Verfasser des Hofmeisters und anderer geistreichen Schriften, persönlich gekannt. Er hatte sich, in den siebziger Jahren, lange zu Straßburg aufgehalten, und war auch manchmal in unsere obern Gegenden gekommen. Einst nach meiner Zurückkunft von der Helvetischen Gesellschaft zu Olten, erzählte ich ihm die traurige Begebenheit, die einige Zeit vorher in jener Gegend vorgefallen war. Es verunglückte ein Schiff auf der Aar. Eine Bürgersfrau, die mit ihrem Manne ein Raub der Wellen geworden, ergriff ein Stück des zertrümmerten Schiffes und hielt sich an demselben über dem Wasser. Der Mann hatte sie beim Rocke gefaßt, und zog sie, durch die Last seines entnervten Körpers, beinahe ganz unter die Fluthen. — Ach! lieber Mann, rief sie in der Angst, wie schwer bist du! ich gehe zu Grunde! So lebe wohl, liebe Frau! sprach der Edle und sorge für unsere Kinder! — Den andern Morgen brachte mir Lenz diese rührende Geschichte in Versen, und erst die vorige Woche fand ich sein Manuscript wieder unter meinen Collectaneen. Bewundern Sie mit mir, mein Lieber, wie meisterhaft der Dichter den Gegenstand behandelt hat, und urtheilen Sie, ob sein Gedicht, da es gleichsam auf unserm Grund und Boden gewachsen ist, nicht verdiente, in einer vaterländischen Schrift aufgewahrt zu werden?“[22]

„Was machst du hier, lieb Mägdelein!
Am Wasser tief und schnelle?
Und sitzest da am Bach allein,
Mit nassen, rothen Bäckelein,
Und guckst auf eine Stelle?
Hat dich der Vater was bedroht?
Bekommst du heut kein Morgenbrod?
Hat Bruder dich geschlagen?
Du kannst mir alles sagen.“

Das Mägdlein schaut ihm ins Gesicht,
Sieht, kehrt sich weg und redet nicht.
„Sag, wo bist du zu Hause?“
„„Herr, dort in jener Klause.““ —

Er kriecht zur kleinen Thür hinein,
Und findt ein hagres Mütterlein
Auf schlechten Binsen liegen.
„Sagt, gute Frau, was fehlt dem Kind?
Es sitzt da draußen in dem Wind,
Und ist nicht still zu kriegen.“

„„Ach, lieber Herr!““ das Mütterlein
Mit schwerem Husten saget,
„„Es geht den ganzen Tag allein
Und leidt nicht, daß man’s fraget;
Es hat von seiner Kindheit an
Nichts als beständig weinen ’than.““

„So wahr ein Gott im Himmel ist!
Euch muß was heimlich quälen;
Ihr sagt nicht alles, was ihr wißt,
Ihr sollt mir nichts verhehlen.“