„„Nun, lieber Herr““ — und faßt den Mann
Mit beiden welken Händen an —
„„Geht an den Strom, fallt auf die Knie,
Und dann kommt wieder morgen früh;
Wird sich mein Husten kehren,
So sollt ihr alles hören.““
Der Blick, der Ton, der Händedruck
Dem Fremden an die Seele schlug.
Er geht zum Bach, fällt auf die Knie,
Kömmt zu dem Weiblein Morgens früh,
Findt sie in bittern Zähren.
„„Ach Herr! was uns verloren gieng,
Kann dieses Blatt und dieser Ring
Am besten euch erklären.““
Mit diesem Wort zieht sie ein Tuch
Aus ihrer Brust, darin ein Buch
Und in dem Buch ein Blättlein war,
Bemalt mit bunten Farben zwar,
Und an dem Farbenblättlein hieng,
Als Siegel ihr Verlöbnißring.
Auf diesem Blättlein schwamm ein Weib
Im höchsten Strom mit halbem Leib.
Ihr Kahn war umgeschlagen;
Und an des Weibes Rocke faßt
Ihr Ehmann sich, doch diese Last
Schien’s Wasser nicht zu tragen.
Je mehr der Fremd’ aufs Blättlein sieht,
Je mehr ihm Aug und Stirne glüht,
Und darf sie nicht mehr fragen.
Das Weiblein weint, heult außer sich,
Beginnt die Brust zu schlagen:
„„Seht, lieber Herr, das Weib bin ich,
Um mich mußt er ertrinken!
Ich, in dem Schrecken, rief ihm: Mann,
Ach, warum faßt du mich denn an?
Und gleich sah ich ihn sinken.““
„Er rief“ — bei dieser Stelle quoll
Ihr starrend Auge minder —
„„Er rief im Sinken: Frau, leb wohl,
Und sorg für unsre Kinder!““
IV.
Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung
der
Ossianischen Gesänge von Selma.
Aus Friederickens Nachlasse
und nach Göthe’s Handschrift abgedruckt.
Die Gesänge von Selma.[23]
Stern der niedersinckenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du hebest dein lockiges Haupt aus deiner Wolke: ruhig wandelst du über deinen Hügel. Was siehst du nach der Ebne? Es ruhen die stürmischen Winde. Das Murmeln der Ströme kommt aus der Ferne. Brüllende Wellen klettern den entlegenen Felsen hinan. Die Fligen des Abends schweben auf ihren zarten Schwingen, das Summen ihres Zug’s ist über dem Fels. Wo nach blickst du, schönes Licht? Aber du lächlest und gehst. Fahrewohl du schweigender Stral, dass das Licht in Ossians Seele heraufsteige.
Und es steigt herauf in seiner Stärcke. Ich sehe meine verschiedenen Freunde. Ihre Versammlung ist auf Lora, wie in den Tagen die vorüber sind. Fingal kömmt wie eine wässrige Säule von Nebel; seine Helden sind um ihn her. Und sieh! die Sänger der Lieder; grauhariger Ullin! ansehnlicher Ryno! Alpin mit der melodischen Stimme! und die sanfte Klage von Minona! O wie habt ihr euch verändert, meine Freunde, seit den festlichen Tagen von Selma; da wir wetteiferten wie Lüffte des Frühlings, sie fliegen über den Hügel und beugen wechselnd das sanftlispelnde Gras. Minona trat hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenem Blick und weinendem Auge. Schwer flossen ihr die Locken am Wind, der nur manchmal vom Hügel her sties. Die Seelen der Helden wurden trüb, da sie die liebliche Stimme erhub; denn offt hatten sie das Grab Salgars gesehen, und die dunckle Behausung der weisbusigen Colma. Colma blieb allein auf dem Hügel mit ihrer melodischen Stimme. Salgar hatte versprochen zu kommen, aber die Nacht stieg rings umher nieder. Hört die Stimme von Colma da sie allein sas am Hügel.