„Er stößt mich eben so sehr ab, als er mich anzieht; so zart, rührend, kräftig, ja groß er zu Zeiten sein kann, so klein, widerwärtig und roh erscheint er dann wieder, und zwar aus Willkür, um mit dem Enthusiasmus ein verhöhnendes Spiel, und mit dem Spiele selbst ein anderes, ganz außer der Poesie liegendes zu treiben, welches dieses und jede Poesie vernichtet.“

L. Tieck, Einleitung zu Lenz’s Schriften.

Jakob Michael Reinhold Lenz wurde zu Seßwigen in Liefland den 12. Jänner 1750 geboren. Er studirte 1768 in Königsberg, und begab sich von da aus nach Berlin, wo er mit Ramler und Nicolai verkehrte. Im Jahr 1771 begleitete er einen jungen Edelmann, Herrn von Kleist, nach der damals weit berühmten, alten Universität Straßburg. Hier verband er sich auf’s Innigste mit seinem guten Sokrates, dem freundlichen, gemüthreichen Aktuarius Salzmann[2], von welchem Göthe und Jung-Stilling in ihren Selbstbiographien mit so vieler Ehrfurcht sprechen. Salzmann hatte einen Kreis talentvoller Jünglinge um sich her versammelt, deren literarische Arbeiten er leitete. Die heiterste Lebensphilosophie, verbunden mit reichen, vielseitigen Kenntnissen, einem richtigen Blick und feinem Geschmacke gewannen ihm bald alle Herzen. Besonders Lenz, dessen Geist sich in diesem Zirkel schwärmerisch allen Eindrücken des Schönen aufschloß, gewann ihn für das Leben lieb. Auch Herder, Stilling und Lerse lernte er hier kennen, und was für sein Dichten von bedeutenderm Einflusse war, Göthe. Es gieng ihm eine neue, schönere Welt auf. Shakspeare namentlich übte auf die jungen Gemüther einen mächtigen Zauber aus. Göthe äußert sich in dieser Hinsicht also: „Will jemand unmittelbar erfahren, was damals in dieser lebendigen Gesellschaft gedacht, gesprochen und verhandelt worden, der lese den Aufsatz Herder ’s über Shakspeare, in dem Heft von deutscher Art und Kunst; ferner Lenzens Bemerkungen über das Theater, denen eine Uebersetzung von Lowe’s labours lost hinzugefügt war. Herder dringt in das Tiefere von Shakspeare’s Wesen und stellt es herrlich dar; Lenz beträgt sich mehr bilderstürmerisch gegen die Herkömmlichkeit des Theaters, und will denn eben all und überall nach Shakspeare’scher Weise gehandelt haben. Da ich diesen so talentvollen als seltsamen Menschen hier zu erwähnen veranlaßt werde, so ist wohl der Ort, versuchsweise, einiges über ihn zu sagen. Ich lernte ihn erst gegen das Ende meines Straßburger Aufenthaltes kennen. Wir sahen uns selten; seine Gesellschaft war nicht die meine, aber wir suchten doch Gelegenheit uns zu treffen, und theilten uns einander gern mit, weil wir, als gleichzeitige Jünglinge, ähnliche Gesinnungen hegten. Klein, aber nett von Gestalt, ein allerliebstes Köpfchen, dessen zierlicher Form etwas abgestumpfte Züge vollkommen entsprachen; blaue Augen, blonde Haare, kurz ein Persönchen, wie mir unter nordischen Jünglingen von Zeit zu Zeit eins begegnet ist; einen sanften, gleichsam vorsichtigen Schritt, eine angenehme nicht ganz fließende Sprache, und ein Betragen, das zwischen Zurückhaltung und Schüchternheit sich bewegend, einem jungen Manne gar wohl anstand. Kleinere Gedichte, besonders seine eigenen, las er sehr gut vor, und schrieb eine fließende Hand. Für seine Sinnesart wüßte ich nur das englische Wort whimsical, welches, wie das Wörterbuch ausweist, gar manche Seltsamkeiten in Einem Begriff zusammenfaßt. Niemand war vielleicht eben deßwegen fähiger als er, die Abschweifungen und Auswüchse des Shakspear’schen Genies zu empfinden und nachzubilden. Die obengedachte Uebersetzung giebt ein Zeugniß hievon. Er behandelt seinen Autor mit großer Freiheit, ist nichts weniger als knapp und treu, aber er weiß sich die Rüstung oder vielmehr die Possenjacke seines Vorgängers so gut anzupassen, sich seinen Gebärden so humoristisch gleichzustellen, daß er demjenigen, den solche Dinge anmutheten, gewiß Beifall abgewann.“

Im Sommer 1772 verließ Lenz Straßburg und zog mit Herrn von Kleist nach Fort-Louis, einer jetzt zerstörten Inselfestung auf dem Rheine. In der Nähe liegt Sesenheim; Lenz machte die Bekanntschaft des Pfarrers Brion[3], und wurde von der patriarchalischen Familie auf’s Freundschaftlichste aufgenommen. Friedericke’s liebliche Gestalt trat ihm entgegen und fesselte ihn mit unauflöslichen Banden. Er trank einen vollen Kelch der süßesten Wonne, die sich leider in der Folge in den bittersten Schmerz verwandelte und seine Seele mit jenem tiefen Gram erfüllte, der sie verzehrte. Der Gedanke an Sie absorbirte ihn ganz; in ihm giengen alle andern Gedanken unter und nur das Studium seiner beiden Lieblingsdichter Plautus und Shakspeare, die er mit schwärmerischer Verehrung las, studirte und bearbeitete, brachte ihn wieder, auf Augenblicke wenigstens, zu sich selbst zurück. Sein Sinnen und Dichten, in Licht und Schatten, sind aus seinem Gemüthszustande in jener Zeit erklärlich. Gegen das Spätjahr 1772 begab sich Lenz nach Landau, und kehrte hierauf, wie es schien, mit erneuetem Lebensmuthe nach Straßburg zurück, wo er, einige Zwischenreisen ausgenommen, bis in den März 1776 blieb.

Salzmann hatte den 2. November 1775 eine neue Gesellschaft „zur Ausbildung der deutschen Sprache“ gegründet. Das Protokoll der Sitzungen beginnt also: „Den 2. November des Jahres 1775 ist unter göttlichem Beistande zu der Eröffnung einer Gesellschaft deutscher Sprache in dem Hause des Herrn Aktuarius Salzmann, gegenüber dem Rathhause, Nachmittags um 3 Uhr, geschritten worden.“ Lenz hielt, als Sekretär, eine Anrede an die Mitglieder „über die Vortheile einer Verbindung dieser Art zu einer hoffentlich zu erwartenden allgemeinen deutschen Sprache“, und hat darin zu zeigen gesucht, wie sehr eine Provinz von ihren Rechten vergebe, wenn sie die Ausbildung des sogenannten Hochdeutschen, einer einzigen Provinz oder einem einzigen Kreise Deutschlands überließe. Tieck hat diese Anrede aufbewahrt (Lenz, Schriften Th. II. S. 326 u. ff.). Lenz war das thätigste Mitglied dieses Vereins, mit dem er auch Michaelis von Göttingen und Schlosser von Emmendingen, in Verbindung brachte. Er gab folgende Beiträge, von welchen sich die mit * bezeichneten in Tieck’s Ausgabe seiner Schriften vorfinden:

1.
*
Anrede an die Gesellschaft (S. oben).

2.
*
Vorzüge der deutschen vor der französischen Sprache.

3.
*
Ueber die Bearbeitung der deutschen Sprache im Elsaß, Breisgau und den benachbarten Gegenden.

4.
Nachahmung von
Plautus Captirei
.

5.
*
Die beiden Alten, ein Familiengemälde (dramatisch), nach einer Zeitungsanekdote.