Wir waren vergnügt unter einander; er zeichnete uns verschiedene Kleidungen der Russen und Liefländer vor; wir sprachen von ihrer Lebensart, u. s. w. Wir logirten ihn in das Besuchzimmer im Schulhause.

Die darauf folgende Nacht hörte ich eine Weile im Schlaf laut reden, ohne daß ich mich ermuntern konnte. Endlich fuhr ich plötzlich zusammen, horchte, sprang auf, horchte wieder. Da hörte ich mit Schulmeisterstimme laut sagen: Allez donc au lit — qu’est-ce que c’est que ça — hé dans l’eau par un temps si froid! — Allez, allez au lit.

Eine Menge Gedanken durchdrangen sich in meinem Kopf. Vielleicht, dachte ich, ist er ein Nachtwandler und hatte das Unglück in die Brunnbütte zu stürzen; man muß ihm also Feuer, Thee machen, um ihn zu erwärmen und zu trocknen. Ich warf meine Kleider um mich und hinunter an das Schulhaus. Schulmeister und seine Frau, noch vor Schrecken blaß, sagten mir: Herr Lenz hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, wäre hin und her gegangen, auf’s Feld hinter dem Hause, wieder herein, endlich hinunter an den Brunnentrog, streckte die Hände ins Wasser, stieg auf den Trog, stürzte sich hinein und plattscherte drin wie eine Ente; sie, Schulmeister und seine Frau, hatten gefürchtet, er wolle sich ertränken, riefen ihm zu — er wieder aus dem Wasser, sagte, er wäre gewohnt sich im kalten Wasser zu baden, und gieng wieder auf sein Zimmer. — Gottlob, sagte ich, daß es weiter nichts ist; Herr K... liebt das kalte Bad auch, und Herr L... ist ein Freund von Herrn K...

Das war für uns Alle der erste Schreck; ich eilte zurück um meine Frau auch zu beruhigen.

Von dem an verrichtete er, auf meine Bitten, sein Baden mit mehrerer Stille.

Den 21sten ritt er mit mir nach Belmont, wo wir die allgemeine Großmutter, die 176 Abstämmlinge erlebt, begruben. Daheim communicirte er mir mit einer edeln Freimüthigkeit, was ihm an meinem Vortrag u. s. w. mißfallen; wir waren vergnügt bei einander, es war mir wohl bei ihm; er zeigte sich in allem als ein liebenswürdiger Jüngling.

Herr K... hatte mir sagen lassen: er würde, seiner Braut das Steinthal zu zeigen, zu uns kommen und einen Theologen mitbringen, der gerne hier predigen möchte.

Ich bin nun bald eilf Jahre hier; anfangs waren meine Predigten vortrefflich, nach dem Geschmacke der Steinthaler. Seitdem ich aber dieser guten Leute Fehler kenne und ihre äußerste Unwissenheit in Allem, und besonders in der Sprache selbst, in der man ihnen predigt, und ich mich daher so tief mir immer möglich herunterlassen und dem mir nun bekannten Bedürfniß meiner Zuhörer gemäß zu predigen mich bemühe, seitdem hat man beständig daran auszusetzen. Bald heißt es: ich wäre zu scharf; bald: so könne es Jeder; bald: meine Mägde hätten mir meine Predigt gemacht u. s. w. Ueberdieß macht mir das Predigen oft mehr Mühe als alle andern Theile meines Amtes zusammengenommen. Ich bin daher herzlich froh, wann bisweilen jemand anders für mich predigen will.

Herr L..., nachdem er die Schulen der Conductrices und Anderes in Augenschein genommen, und er mir seine Gedanken freimüthig über Alles mitgetheilt, äußerte mir seinen Wunsch für mich zu predigen. Ich fragte ihn, ob er der Theolog wäre, von dem mir Herr K... hätte sagen lassen? „Ja,“ sagte er, und ich ließ mir’s, um obiger Ursachen willen, gefallen; es geschah den darauf folgenden Sonntag, den 25sten. Ich gieng vor den Altar, sprach die Absolution, und Herr L... hielt auf der Kanzel eine schöne Predigt, nur mit etwas zu vieler Erschrockenheit. Herr K... war mit seiner Braut auch in der Kirche. Sobald er konnte, bat er mich, mit ihm besonders zu gehen, und fragte mich mit bedeutender Miene, wie sich Herr L... seitdem betragen und was wir mit einander gesprochen hätten. Ich sagte ihm, was ich noch davon wußte; Herr K... sagte: es wäre gut. Bald darauf war er auch mit Herrn L... allein. Es kam mir dieß alles etwas bedenklich vor, wollte da nicht fragen, wo ich sah, daß man geheimnißvoll wäre, nahm mir aber vor, meinen Unterricht weiter zu suchen.

Herr K... lud mich freundschaftlich ein, mit ihm zu seiner Hochzeit in die Schweiz zu gehen. So gern ich längst die Schweiz gesehen, einen Lavater, einen Pfenninger und andere Männer gekannt und gesprochen hätte, so sehr meinem Leibe und Gemüthe (ich hatte einige harte Monate gehabt), eine Aufmunterung und Stärkung durch eine Reise wünschbar war, so unübersteigliche Hindernisse fand ich auf allzuvielen Seiten. Herr K... räumte einen großen Theil durch Mittheilung seines Reiseplanes aus dem Wege: ich überlegte den Rest und fand Möglichkeit.