Luise. Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen.
Amtmann. Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu wegschickte.
Luise.
In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu
Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
Macht und Übereilung.
Amtmann.
Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar.
Luise.
Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.
Amtmann. Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
Luise.
Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.)
Zweiter Auftritt
Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann.
Amtmann. Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und seine Kinder zu putzen.
Gräfin.
Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des
Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht
machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!