Sechster Auftritt
Alcest.
Ihr großen Geister sagt, daß keine Tugend sei
Und Liebe Sinnlichkeit und Freundschaft Heuchelei,
Daß man kein einzig Herz mit festen Mauern finde,
Daß nur Gelegenheit die Stärksten überwinde,
Daß es, wenn man in uns das Laster je vermißt,
Beim Jüngling Blödigkeit und Furcht beim Mädchen ist.
Es zittert, spottet ihr, die unerfahrne Jugend.
Doch ist dies Zittern nicht selbst ein Gefühl von Tugend?
Ist diese Sympathie, dies schwimmende Gefühl,
Dem man sich schwer entreißt, nichts als ein Fibernspiel?
Wie süß verträumt ich nicht die jugendlichen Stunden
Einst in Sophiens Arm. Ich hatte nichts empfunden,
Bis mir der Druck der Hand, ihr Blick, ihr Kuß entdeckt,
Wie's einem Neuling ist, wenn er die Wollust schmeckt.
Uns führte keine Wahl mit klugem Rat zusammen,
Wir sahn einander an, und standen schon in Flammen.
Bist du der Liebe wert, ward da nicht lang gefragt;
Es war erst halb gefühlt, und war schon ganz gesagt.
Wir lebten lange so die süßen Augenblicke;
Zuletzt verschlug es sich. Ich fluchte dem Geschicke,
Und schwur, daß Freundschaft, Lieb und Zärtlichkeit und Treu
Der Maskeradenputz verkappter Laster sei.
Und sucht in dem Gewühl der körperlichen Triebe
Den Tod des Vorurteils, von Tugend und von Liebe.
Zuletzt verhärteten mich Wollust, Stolz und Zeit;
Ich glaubte mich geschützt vor aller Zärtlichkeit.
Stolz kehrt ich zu Sophien. Wie schön war sie geworden!
Ich stutzte. »Ha, ihr Mann ist doch vom großen Orden
Schon lange Ritter! Doch sie hat der Freunde mehr.
Es sei drum! Wenn du kommst, so macht sie dir's nicht schwer.
Ihr Sperren rührt mich nur, daß ich die Nase rümpfe:
Gnung! Das gewohnte Spiel vom Faun und von der Nymphe.«
So dacht ich, sah sie oft, allein da fühlt ich was,
Ihr liederlichen Herrn, erklärt mir, was ist das?
Das hier mich immer schilt, hier immer für sie redet,
Mir alle Kühnheit raubt, und jeden Anschlag tötet.
Sie nennt mich ihren Freund, eröffnet mir ihr Herz;
Ich schwur die Freundschaft ab, doch teil ich ihren Schmerz.
Sie sagt, sie habe mich als alle Menschen lieber;
Ha! denk ich, Lieb ist Tand, und freu mich doch darüber.
Sie liebt mich und verläßt doch ihre Tugend nie;
Die Tugend glaub ich nicht, und doch verehr ich sie.
Heut hofft ich ziemlich viel und wagte nichts zu nehmen.
So bös und doch so feig! Ich muß mich wahrlich schämen.
Entweder nennet mich Weib! Tückisch ohne Kraft!
Wo nicht, so bin ich noch nicht völlig lasterhaft.
Was ist's? was treibt dich an, ihr Leben zu versüßen?
Ist's Lieb? Ist's Eigennutz? Gedenkst du zu genießen,
Und willst es kaufen? Nein! Ich weiß, es fehlt ihr Geld,
Und sie vertraut mir's nicht, das ist's, was mir gefällt.
Ich sinne jetzo nur auf ein versteckt Geschenke;
Ich habe just noch Geld. Gut, daß ich gleich dran denke.
Ich muß es zählen.
[Er öffnet die Schatulle.]
Was! Was seh ich! Teufel! Leer!
Von hundert Spezies kaum fünfundzwanzig mehr!
Seit heute nachmittag! Wer konnte sie entwenden?
Die Schlüssel kamen nicht die Zeit aus meinen Händen.
Wer war im Zimmer? Ha! Sophie! Gedanke fort!
Mein Diener? O, der liegt an einem sichern Ort.
Er schläft, gleich will ich hin, mit Lärm ihn aufzuwecken;
Wenn er der Täter ist, verrät er sich im Schrecken.
Dritter Aufzug
Erster Auftritt
Die Wirtsstube.
Der Wirt [im Schlafrocke, in dem Sessel hinter dem Tisch, worauf ein
bald abgebrannt Licht, Kaffeezeug, Pfeifen und die Zeitungen. Nach den
ersten Versen steht er auf und zieht sich in diesem Auftritt und dem
Anfang des folgenden an.]
Es steht mit Polen jetzt nicht eben allzugut!
Allein ich passe drauf, was noch der Russe tut.
Greift er's nur weislich an, so kann er nicht verlieren,
Und er ist Kerls genug, den Türken abzuführen,
Kommt er nur recht in Schuß, da tobt er wie ein Bär.
Ich wüßte, was ich tät, wenn ich der Russe wär;
Ich zög vor das Serail, und ohne viel zu fragen,
Schickt ich den Großsultan ein wenig Zobeljagen.
Krieg ich ihn nicht, den Brief, so komm ich nicht zur Ruh.
Es ging wahrhaftig nicht mit rechten Dingen zu!
Unmöglich scheint es mir, das Rätsel aufzulösen:
Wenn man was Böses tut, fürcht man sich vor dem Bösen.
Es war nicht mein Beruf, drum kam die Furcht mich an;
Und doch für einen Wirt ist es nicht wohlgetan,
Zu zittern, wenn's im Haus rumort und geht und knistert;
Denn mit Gespenstern sind die Diebe nah verschwistert.
Es war kein Mensch zu Haus, nicht Söller, nicht Alcest;
Der Kellner konnt's nicht sein, die Mägde schliefen fest.
Doch halt! - In aller Früh, so zwischen drei und viere,
Hört ich ein leis Geräusch, es ging Sophiens Türe.
Sie war vielleicht wohl selbst der Geist, vor dem ich floh.
Es war ein Weibertritt, Sophie geht eben so.
Was tat sie denn wohl da? - Man weiß, wie's Weiber machen;
Sie visitieren gern und sehn der Fremden Sachen
Und ihre Wäsche gern. Hätt ich nur dran gedacht,
Ich hätte sie erschreckt und dann sie ausgelacht.
Sie hätte mit gesucht, der Brief wär nun gefunden;
Jetzt ist die schöne Zeit so ungebraucht verschwunden.
Verflucht! Zur rechten Zeit fällt einem nie was ein,
Und was man Gutes denkt, kommt meist erst hinterdrein.
Zweiter Auftritt
[Der Wirt. Sophie.]
Sophie.
Mein Vater, denken Sie! -
Wirt.
Nicht einmal guten Morgen?