Erster Auftritt
Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde,
mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im
Vordergrunde.
Hofmeisterin.
Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft
Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
Und deutet mir bedenklich in die Weite.
Wie müssen Rat und Anteil eines Manns,
Der allen edel, zuverlässig gilt,
Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
Zu dir mich wendend komme, den so lange
Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.
Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war
Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
Will es mich dünken, dass du eben diesen,
Den du gerecht und edel nennen willst,
In solcher Sache fragen, ihm getrost
Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
Anheim gegeben ward ein edles Kind,
Auf Tod und Leben—sag' ich wohl zu viel?—
Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder,
Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle
Sind angewiesen, dich zu schützen, sie
Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.
(Er gibt das Blatt zurück.)
Hofmeisterin.
Auch hier beweise dich gerecht und lass
Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen,
Auch mich, die hart Verklagte, höre nun
Und meinen offnen Vortrag günstig an.
Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'
Ihr die Natur den allerschönsten Teil,
Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
Der Ihrigen entführen, sie hierher,
Hinüber nach den Inseln sie geleiten.
Gerichtsrat.
Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
Erhitzter Dünste schleichend überfällt.
Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.
Hofmeisterin.
Bevor du richtest, höre weiter an!
Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind.
Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen.
Sie will der eine Teil zum höchsten Glück
Berechtigt wissen, wenn der andre sie
Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!—
Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
So schwankte List um List im Gleichgewicht,
Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt
Den Augenblick entschiedenen Gewinns
Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
Dem Staate selbst gefährlich, drohend los,
Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,
Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch
Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling,
Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.
Gerichtsrat.
Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung
Erlauben können. Leider sind auch sie
Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten
Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht
Vor größerm Übel nötiget Regenten
Die nützlich ungerechten Taten ab.
Vollbringe, was du musst, entferne dich
Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.
Hofmeisterin.
Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!
Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen.
Den werten Zögling wünscht' ich lange schon
Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise
Des Bürgerstandes hold genügsam weilt.
Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe,
Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz
Und wendete von jenen Regionen,
Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
Ins Häusliche den liebevollen Blick;
Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht
Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland
Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.
Gerichtsrat.
Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!