Herzog.
Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
Wenn alles Regen, alles Treiben stets
Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
Den sah ich nur in ihr, und so besaß
Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.
So war ich heiter, aller Menschen Freund,
Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,
Dem Vater danken sie's und werden auch
Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.
Weltgeistlicher.
Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste
Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
In diesen trüben Tagen ist auf dich,
Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.
Herzog.
Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.
Weltgeistlicher.
So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn
Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
Mehr als der Menge, der ich angehöre.
O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter
Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
Und aber tausend Kinder ihre Väter
Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich
An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.
Herzog.
Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
Mir der Gespenster dichte Schar heran,
Die meiner Tochter liebliche Gewalt
Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
Die meinen Geist in holde Träume sang.
Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen
An mich heran und droht, mich zu erdrücken.
Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
So führe mich zur Wohnung der Geduld,
Ins Kloster führe mich und lass mich dort,
Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
Ein müdes Leben in die Grube senken.
Weltgeistlicher.
Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.
Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
Er kehrt in sich zurück und findet staunend
In seinem Busen das Verlorene wieder.
Herzog.
Dass ein Besitz so fest sich hier erhält,
Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
Das ist die Qual, die das geschiedene,
Für ewig losgerissne Glied aufs neue
Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will.
Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
Vernichtetes, wer stellt es her?
Weltgeistlicher.
Der Geist!
Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,
Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
Das keine Macht entreißen kann, zurück.
Herzog.
Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
Lass deiner klaren Augen reines Licht
Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
Vollendet einst gedacht und dargestellt.
So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen, und bist auf ewig mein.
Vierter Aufzug (Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)