Herzog.
Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
O! Wehe! Dass die Elemente nun,
Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
Wenn über werdend Wachsendem vorher
Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte,
So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.
Weltgeistlicher.
Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut,
Bewahret lange das verschlossne Grab.
Herzog.
O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen!
Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
Da trocknete die Träne, freier Blick
Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklärte Räume nach.
O sammle mir in köstliches Gefäß
Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
Dass die vergebens ausgestreckten Arme
Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.
Westgeistlicher.
Die Trauer wird durch Trauern immer herber.
Herzog.
Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!
Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.
Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort
In meines Traums Entzückungen gelobt—
Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
Schon wird der Platz gerundet, wo mein König
Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
Und ebenmaß und Ordnung will den Raum
Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
Von rauen Steinen ordnungslos getürmt,
Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!
Mag sich umher der freie Platz berasen,
Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
Der junge Busch zum Baume sich erheben,
Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;
Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
An deren Wachstum ich die Jahre maß.
Weltgeistlicher.
Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
Wohltätiger Zerstreuung übergab,
Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?
Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land,
Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
Herzog.
Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
Ich sie nicht wieder finde, die allein
Ein Gegenstand für meine Blicke war?
Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels
Vorüber meinen Augen gehen und nur
Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
Das einzige geliebte, zu erhaschen?
Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
Der an Verlust und Armut mich erinnert!
Weltgeistlicher.
Und neue Güter eignest du dir an!
Herzog.
Nur durch der Jugend frisches Auge mag
Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,
Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,
Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.
Weltgeistlicher.
Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
Beglückte Tage der Beschauung nicht
Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir
Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
So ruf' ich dich im Namen aller auf:
Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden,
Die deinen Horizont umziehn, für andre,
Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich
Auch diese Stunden so zum Feste werden.