Die Philosophie solle sie doch ia lesen, sagt ihr. Bey Gott sie wird ein ganz andres herrlicheres Geschöpf werden; werden ihr von den Augen fallen wie Schuppen, Irrthum, Vorurteile &c. Und wird seyn wie der heiligen Götter eine.

Sagt ihr das und gebt ihr das Buch, und wenn sie ein Blatt drinne herabliest so will ich — Carte blanche für das scheuslichste Ragout das der Teufel erfinden mag — fressen will ichs. Ich glaub Lotte hält mich und euch fürn Narren. Sie — in mittem Carneval — eine Philosophie. Mach sie sich einen Domino zurecht und lass sie solche Grillen der Reuters — die Gott weiss wenn sie alle Gaben hätte, wie St. Paulus spricht und mit Engel und Menschen Weisheit und Zungen spräche, fehlt ihr die Liebe doch und ist ein tönend Erz und eine klingende Schelle.

Sagt der goldnen Lotte ich würds ihr denken dass sie uns den Streich gespielt.

Nun Adieu. Die Anzeige des Visitations-Wesens kommt nicht in unsre Zeitung. Der Verleger fürchtet es möchte der Teufel dahinter stecken hier ist Titel und Register. Und ein Blat. Verwischts nur und die andern auch, ich brauchs nicht.

49.
Goethe an Kestner.

acc. 29. Januar 73. Donnerstags Vormittag.

Das waren wunderliche 24 Stunden. Gestern Abend putzt ich meine Freundinnen auf den Ball, ob ich gleich nicht selbst mitging. Der einen hat ich aus der Fülle ihres Reichthums eine Egrette von Juwelen und Federn zusammengestuzt, und sie herrlich geziert. Und einmal fiel mirs ein wärst du doch bey Lotten und puztest sie so aus. Dann ging ich mit Antoinetten und Nannen auf die Brücke einen Nachtspaziergang. Das Wasser ist sehr gross, rauschte stark und die Schiffe alle versammelt in einander, und der liebe trübe Mond ward freundlich gegrüßt, und Antoinette fand das alles paradiesisch schön und alle Leute so glücklich die auf dem Land leben, und auf Schiffen, und unter Gottes Himmel. Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu wenn ich könnte. Wir gingen nach Hause und übersetzt ihnen Homer, das ietzt gewöhnliche Lieblingslektüre ist. Die andern waren gefahren zu tanzen.

Heut Nacht weckt mich ein grässlicher Sturm um Mitternacht. Er riss und heulte, da dacht ich an die Schiffe und Antoinetten und lies mir wohl seyn in meinem zivilisirten Bette. Kaum eingeschlafen weckt mich der Trommelschlag und Lerm und Feuerrufen, ich spring ans fenster, und sehe den Schein starck aber weit. Und binn angezogen. und dort. Ein großes weites Haus, das Dach in vollen Flammen. Und das glühende Balkenwerk, Und die fliegenden Funken, und den Sturm in Glut und Wolken. Es war schweer. Immer herunter brants, und herum. Ich lief zur Grosmutter die dorthin wohnt. sie war im Ausräumen des Silberzeugs. Wir brachten alle Kostbaarkeiten in Sicherheit und nun warteten wir des Schicksaals Weeg ab. Es dauerte von Ein Uhr bis vollen Tag. Das Haus mit Seiten und hintergebäuden auch Nachbaars Werke liegt. Das Feuer ist erstickt, nicht gelöscht. Sie sind ihm nun gewachsen es wird nicht wieder aufkommen. Und so sag ich euch nun geseegnete Mahlzeit. Mit überwachten Sinnen ein wenig als hätt ich getanzt, und andere Bilder in der Immagination. Wie werden meine Tänzer nach Hause kommen seyn? Adieu liebe Lotte, liebr Kestner.