Bitte laßen Sie dieß unter uns bleiben — wollen Sie mir antworten? Ich mögte wißen wo Sie sind, waß Sie treiben. ich lebe meistens still auf dem Lande — meine liebe Enkelin, Tochter meines jüngsten Sohnes ist bey mir — sie ist 13 Jahr — meine Liebe, und meine Freude. Ich reiche Ihnen freundschaftlich meine Hand. Ihr Andenken ist nie in mir erloschen, und meine Theilnahme für Sie immer Lebendig geblieben — meine Wünsche für Ihr wahres Wohl, auch. Manches betrübte mich oft — Ich will so lange ich lebe, noch recht für Sie beten — mögten Sie sich doch darin noch recht mit mir vereinigen — Mein Erlöser ist ja auch der Ihrige, es ist auch in keinem andern Heil, und Seeligkeit zu finden. Ob Sie wohl noch an mich dachten? Bitte schreiben Sie ein paar Worte
an
Auguste Bernstorff-Stolberg.
Meine adresse ist: in Bordesholm
durch Hamburg.
d: 23 st:
Sie bitten mich in einem Ihrer Briefe, nachdem Sie lange geschwiegen hatten: »den Alten Faden wieder anzuspinnen, es sey dieß ja ohnehin ein Weibliches Geschäft.« Da ist er denn wieder angesponnen, und o! möge er sich denn nun biß in die Ewigkeit hineinspinnen! — So leben Sie denn wohl, und verkennen Sie meine Absicht nicht — Laßen Sie, ich bitte Sie, dieß ganz unter uns bleiben —
Letzter Brief Goethes an Auguste Stolberg
Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich unentschlossen, was zu erwidern seyn möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist.
Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles diesem Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.