Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und bey allem irdischen Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort, so lang es Tag für uns ist; für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten.
Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sindviel Provinzen, und da er uns hier zu Lande ein so fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch für beyde gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis jetzo abging, und angesichtlich kennen zu lernen und uns desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.
Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Aeußerung hatte ich schon früher Ihren edlen, wackern Bruderwider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich von einertödtlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre, mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte.
Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.
wahrhaft anhänglich
Weimar den 17. Apr. 1823.
Goethe.
Anmerkungen
Der erste Brief. Adresse: Der theuern Ungenandten. Goethe weiß somit noch nicht, mit wem er es zu tun hat; siehe die Adresse des zweiten Briefes. Sein Schreiben hat er sicherlich durch die Brüder Stolberg befördert, durch deren Vermittlung er auch Gustchens anonymen Brief Mitte Januar erhalten haben wird. —Musste er Menschen machen nach seinem Bild: 1. Mos. 1, 26. —wenn wir Brüder finden: »Brüder« prägnant für das allgemeinere »Geschwister«; Goethe meint eben seine unbekannte Korrespondentin.
Der zweite Brief. Adresse: Der teuern Ungenannten. Doch geht aus dem letzten Absatz des Briefes hervor, daß dem Schreiber Namen und Aufenthaltsort Gustchens (durch deren Brüder?) bekannt geworden sind; der dritte Brief redet sie an »liebe Auguste«; siehe auch die Adresse des vierten. —einer niedlichen Blondine: Lili Schönemann (geb. 23. Juni 1758), die Tochter eines vermögenden Frankfurter Bankherrn, die Goethe zu Anfang des Jahres kennen gelernt hatte. Die Schilderung, die er hier von dem Gesellschaftstreiben im Hause der Geliebten entwirft, kehrt wieder im Gedichte »An Belinden« (»Warum ziehst du mich unwiderstehlich Ach, in jene Pracht?«): »Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst?« —dumpfe tiefe Gefühle: »dumpf« ein Lieblingswort des jungen Goethe zur Bezeichnung gefühlsschwerer, ahnungsvoller, unruhig treibender und schwellender Seelenstimmung. —Dramas: Claudine von Villa Bella, Erwin und Elmire (vgl. S.22 ), Stella (vgl. S.18,34 ), Faust (vgl. S.30 ).