„Was ihr Gesicht aber ganz eigentlich entstellte, so daß sie wirklich manchmal häßlich aussehen konnte, war die Mode jener Zeit, welche nicht allein die Stirn entblößte, sondern auch alles that, um sie scheinbar oder wirklich, zufällig oder vorsätzlich zu vergrößern. Da sie nun die weiblichste, rein gewölbteste Stirn hatte und dabei ein Paar starke schwarze Augenbraunen und vorliegende Augen; so entstand aus diesen Verhältnissen ein Contrast, der einen jeden Fremden für den ersten Augenblick wo nicht abstieß, doch wenigstens nicht anzog. Sie empfand es früh, und dies Gefühl ward immer peinlicher, je mehr sie in die Jahre trat, wo beide Geschlechter eine unschuldige Freude empfinden, sich wechselseitig angenehm zu werden.“

„Niemandem kann seine eigene Gestalt zuwider sein, der häßlichste wie der Schönste hat das Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschönt, und sich jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Meine Schwester hatte jedoch eine so entschiedene Anlage zum Verstand, daß sie hier unmöglich blind und albern sein konnte; sie wußte vielleicht deutlicher als billig, daß sie hinter ihren Gespielinnen an äußerer Schönheit sehr weit zurückstehe, ohne zu ihrem Troste zu fühlen, daß sie ihnen an inneren Vorzügen unendlich überlegen sei.“

Die Zeichnung,[197] welche Goethe von seiner Schwester mit Bleistift flüchtig auf dem breiten Rand eines Correcturbogens vom Götz,[198] also im Jahre 1773,[199] entworfen hat, macht uns diese Beschreibung anschaulich. Die Ähnlichkeit der beiden Geschwister, welche so groß war, daß man sie in früheren Jahren für Zwillinge halten konnte,[200] ist unverkennbar, besonders wenn man das im Jahr 1779 von May gemalte Bild Goethes[201] vergleicht. Allein die stark ausgesprochenen Formen geben dem weiblichen Gesicht etwas Schroffes und Herbes, und auch dem Ausdruck desselben fehlt Freiheit und Sicherheit. Daß jener unvortheilhafte Kopfputz mit Recht Goethe so sehr mißfiel, davon kann man sich nun auch überzeugen.

Wie richtig Goethe seine Schwester beurtheilte, geht aus ihren Briefen hervor. Wie nahe sie sich auch standen, so daß sie sich gegenseitig ihre kleinen Herzensangelegenheiten, ihre Liebes- und andere Händel mittheilten,[202] so ist es nur natürlich, daß das Mädchen gegen ihre Freundin manches offner aussprach als gegen ihren Bruder. Sie scheut sich nicht das, was sie selbst mitunter als thörichte Eitelkeit tadelt, merken zu lassen, den Kummer über ihr unvortheilhaftes Äußere und den Wunsch zu gefallen (s. S. 239 f. 261 f. 266). Eines Morgens überrascht ein neu angekommener Resident,[203] der ihrem Vater seinen Besuch macht, sie bei der Toilette in ihrem Zimmer, das auch als Besuchzimmer dient; in der äußersten Verlegenheit entfernt sie sich auf eine sehr ungeschickte Weise. „Je repris mes forces en venant dans le froid, et lorsque je me regardai dans une glace je me vis plus pâle que la mort. Il faut Vous dire en passant, que rien ne ma va mieux que quand je rougis ou pâlis par émotion. Tout autre que Vous me croiroit de la vanité en m'entendant parler ainsi; mais Vous me connoissez trop pour m'en croire susceptible et cela me suffit.“ Wenige Tage darauf sieht sie ihn im Concert, sie findet ihn so liebenswürdig, daß sie ihn zum Modell wählen würde, wenn sie den Liebesgott malen sollte; dabei denkt sie an die traurige Figur, welche sie vor ihm gespielt. Sie hört, wie er mit dem Marquis von Saint Sever sich lebhaft über ein schönes Mädchen unterhält, die großen Eindruck auf beide gemacht hat. Glückliches Mädchen! denkt sie. Es ist Lisette v. Stockum, deren Schönheit ihr schon früher die Äußerung entlockt: „Quel avantage que la beauté! elle est préférée aux graces de l'âme.“ Nachher wendet sich der Resident auch an sie und unterhält sie artig: nun ist sie glücklich und zufrieden.

Ein andermal schreibt sie: „Je Vous pris de ne plus me faire rougir par Vos louanges que je ne mérite en aucune façon. Si ce n'étoit pas Vous, ma chère, j'aurois été un peu piquée de ce que Vous ditez de mon extérieur, car je pourrois alors le prendre pour de la satire; mais je sais que c'est la bonté de votre cœur qui exige de Vous de me regarder ainsi. Cependant mon miroir ne me trompe pas s'il me dit que j'enlaidis à vue d'œil. Ce ne sont pas là des manières, ma chère enfant, je parle du fond du cœur et je Vous dis aussi que j'en sois quelquefois pénétrée de douleur, et que je donnerois tout au monde pour être belle.“

Sie giebt deshalb auch allen Glauben an ein Glück, das sie durch die Liebe finden könnte, auf. „Qu'en ditez Vous, ma chère, que j'ai renoncé pour jamais à l'amour. Ne riez pas, je parle sérieusement, cette passion m'a fait trop souffrir, pour que je ne lui dise pas adieu de tout mon cœur. Il y eut un tems, où remplie des idées romanesques je crus qu'un engagement ne pût être parfaitement heureux sans amour mutuel; mais je suis revenue de ces folies là.“

Noch herber und mit einer grausamen Kälte gegen sich selbst spricht sie später ihre Hoffnungslosigkeit aus: „Quel don dangereux que la beauté! je suis charmée de ne pas l'avoir, du moins je ne fais point de malheureux. C'est une sorte de consolation et cependant si je la pèse avec le plaisir d'être belle, elle perd tout son mérite. Vous aurez déja entendue que je fais grand cas des charmes extérieures, mais peutêtre que Vous ne savez pas encore que je les tiens pour absolument nécessaires au bonheur de la vie et que je crois pour cela que je ne serai jamais heureuse. Je Vous expliquerai ce que je pense sur ce sujet. Il est évident que je ne resterai pas toujours fille, aussi seroit-ce très ridicule d'en former le projet. Quoi-que j'ai depuis longtems abandonnée les pensées romanesques du mariage je n'ai jamais effacée une idée sublime de l'amour conjugal, cet amour, qui selon mon jugement peut seul rendre une union heureuse. Comment puis-je aspirer à une telle felicité ne possédant aucun charme qui pût inspirer de la tendresse. Epouserai-je un mari que je n'aime pas? Cette pensée me fait horreur et cependant ce sera le seul parti qui me reste, car où trouver un homme aimable qui pensât à moi? Ne croyez pas, ma chère, que ce soit grimace; Vous connoissez les replis de mon cœur, je ne Vous cache rien, et pourquoi le ferois-je?“

Der Anblick dieser durch eine rücksichtslose Schärfe des Verstandes über ein leidenschaftliches Herz schwer errungenen Resignation, welche die hohe Vorstellung von dem wahren Glück der Liebe in ihrer Reinheit festhält, aber aus Mißtrauen gegen sich selbst es aufgiebt, dasselbe zu erreichen, ist um so erschütternder, wenn man sich vergegenwärtigt, wie diese traurige Ahnung später an ihr in Erfüllung gegangen ist. Es wird hiedurch noch klarer, daß der Grund, weshalb sie in der Ehe mit Schlosser, dem man gewiß keine Ursache hat eine Schuld anzuweisen, keine Befriedigung fand, tief in ihrer Natur lag, und gewiß hat sie durch das fortgesetzte strenge Reflectiren über sich selbst die Fähigkeit sich unbefangen hinzugeben mehr und mehr erstickt. Übrigens tritt auch die Kränklichkeit, welche später auch ihren gemüthlichen Zustand so schwer und trübe machte,[204] schon jetzt hervor. Sie klagt wiederholt über ihre Gesundheit, sie werde hypochonder, bald heftig und leidenschaftlich, bald stumpf und gleichgültig. Die trübe Stimmung, welche der allgemeine Grundton dieser Aufzeichnungen ist, spricht sich in dem aus, was sie an ihrem Geburtstag niederschreibt.


Mercredi ce 7 Decemb. (1768)