Leipzig, le 2 Juin 1769.
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le votre
Goethe.
Daß die Unterschrift falsch ist, liegt zu Tage. Denn am 2. Juni 1769 war Goethe nicht in Leipzig, sondern in Frankfurt, und der obige Brief vom 1. Juni 1769 läßt es nicht glaublich scheinen, daß er den Tag darauf dieses Gedicht geschrieben habe. Ist es in Leipzig gemacht und die Jahreszahl unrichtig, so wird es schwer sein die Situation auszufinden, in welcher er es schreiben konnte.
Goethes Briefe
an
Adam Fr. Oeser und seine Tochter Friederike.
Friederike Oeser.
Adam Friedrich Oeser[58] wurde am 17. Febr. 1717 in Preßburg geboren, und zeigte in früher Jugend Neigung und Talent zur Malerei. Im J. 1730 ging er nach Wien, besuchte die dortige Akademie und bildete sich unter Donner in der Modellir- und Bildhauerkunst. Durch ein Bild, das Opfer Abrahams, erwarb er sich in seinem achtzehnten Jahr die goldene Prämie. Gegen Ende des Jahres 1739 begab er sich nach Dresden. Hier wurde Winckelmann mit ihm bekannt, der, nachdem er Nöthenitz 1754 verlassen, in Dresden bei ihm wohnte,[59] und dem er, als er in Italien war, für mancherlei Geschäfte der Vermittler war;[60] er nennt ihn seinen einzigen Freund, der es auch bleiben werde.[61] Oeser hatte, wie Winckelmann selbst dankbar anerkennt, auf die Ausbildung seines künstlerischen Sinnes (den er nach seiner Unterweisung auch durch Zeichnen zu schärfen suchte),[62] großen Einfluß, den man in der Schrift über die Nachahmung der alten Kunst vielfach wahrnehmen konnte[63], und zum Schlusse der Erläuterung sagt er selbst: „die Unterredungen mit meinem Freunde, Herrn Friedrich Oeser, einem wahren Nachfolger des Aristides, der die Seele schilderte, und für den Verstand malte, gaben zum Theil hiezu (zu der Schrift) die Gelegenheit. Der Name dieses würdigen Künstlers und Freundes soll den Schluß meiner Schrift zieren.“[64] Namentlich soll er auch auf Winckelmanns Schrift über die Allegorie, die von ihm schon in Dresden begonnen war, bedeutenden Einfluß gehabt haben,[65] und dies ist um so wahrscheinlicher, als die Neigung für das Allegorische bei Oeser so sehr vorherrschend war, daß sehr häufig das, was er sich nebenher dachte, vor dem eigentlich Künstlerischen seiner Werke hervortrat und jenes als das unwichtigere erscheinen ließ. Sein Freund Kreuchauff schrieb über Oesers neueste Allegoriegemälde (Leipzig 1783), wie früher auch über Gellerts Monument (Leipzig 1774).