Während des siebenjährigen Krieges lebte Oeser mehrere Jahre mit seiner Familie — er war seit 1745 verheirathet — in Dahlen und ging gegen das Ende desselben nach Leipzig, wo er 1763 durch Hagedorn, welcher sich Weißes als Vermittler bediente,[66] zum Director der neu errichteten Kunstakademie ernannt wurde. Zugleich war er Professor an der Dresdner Akademie und Hofmaler.

Wie anregend und nachhaltig sein Unterricht und Verkehr auf Goethe während seines Aufenthalts in Leipzig wirkte, das berichtet dieser selbst und noch lebhafter sprechen es die von Frankfurt an ihn geschriebenen Briefe aus. Auch in Straßburg[67] blieb er mit ihm in Verkehr; als er auf der Rückkehr in Mannheim zuerst einen Gipsabguß vom Laokoon sah (in Leipzig war nur ein Abguß des beckenschlagenden Fauns[68]), theilte er die Ansichten, welche ihm dabei aufgingen, Oeser in einem Briefe mit, der freilich auf seine Auslegung nicht sonderlich achtete, sondern den guten Willen mit einer allgemeinen Aufmunterung erwiederte.[69] Auch später schrieb er von Frankfurt aus an ihn[70]; doch ist aus dieser Zeit leider nichts erhalten. Als aber Goethe nach Weimar gekommen war, wurde wiederum ein persönlicher Verkehr mit Oeser angeknüpft.

Die Veranlassung dazu gaben die Reisen, welche der Herzog ziemlich jedes Jahr, gewöhnlich zur Zeit der Messe, nach Leipzig machte, auf welchen ihn Goethe zu begleiten pflegte, wo denn Oeser stets aufgesucht wurde. Schon im März 1776 kam Goethe nach Leipzig und blieb mehrere Tage dort, sah seine alten Freunde, Käthchen, Oeser wieder und lernte Corona Schröter jetzt näher kennen;[71] gegen Ende desselben Jahres wurde wieder ein Ausflug dahin unternommen.[72] Im Mai 1778 kamen sie wieder nach Leipzig[73] und gingen von da nach Dessau, Berlin und Potsdam; Wieland schreibt von dieser Reise: „Alle Lande, wo sie gewesen, sind ihres Ruhmes voll.“[74] Mit dem Herzog war Goethe auch im April 1780[75] und im Mai 1781[76] in Leipzig und wiederholte seinen Besuch im September desselben Jahres mit dem jungen Friedrich von Stein.[77] Im folgenden Jahr reiste Goethe wieder Ende December mit dem Herzog nach Leipzig, blieb aber, nachdem dieser am Weihnachtsabend fortgereist war, bis in den Anfang des nächsten Jahres, und machte sich nun mit der Stadt, die ihm eine neue kleine Welt war, auf neue Weise bekannt, indem er außer dem Kreise seiner alten Freunde viele neue Bekanntschaften machte. Auf einem Balle waren ungefähr 180 Personen zugegen, schöne Gesichtchen mitunter und gefällige Menschen; er dachte dabei: „warum hast du nun die Menschen vor 15 Jahren nicht so gesehen, wie du sie jetzt siehst? und es ist doch nichts natürlicher, als daß sie sind, was sie sind.“ Daß aber seine Liebe und Verehrung gegen Oeser die alte blieb, beweist die schöne Schilderung, welche er Frau v. Stein von ihm entwirft, wie der herzliche Brief, welchen er nachher an ihn schrieb.[78] Aus den folgenden Jahren wissen wir von keiner Reise nach Leipzig, erst Ende Decembers 1796 hören wir, daß Goethe wieder mit dem Herzog nach Leipzig reiste, wo er eine Menge Menschen, unter ihnen einige recht interessante, auch die alten Freunde und Bekannte sah, und auf einem großen Ball von den Herrn Dyk und Comp., und wer sich sonst durch die Xenien verletzt und erschreckt hielt,[79] mit Apprehension wie das böse Princip betrachtet wurde.[80] Die letzte Reise, die uns bekannt ist, fällt ins Jahr 1800 nach Oesers Tode.[81] Bei diesem Aufenthalt in Leipzig besuchte er G. Hermann und forderte ihn nach einem langen Gespräch über Metrik auf, eine Deutsche Metrik zu schreiben, worauf dieser erwiederte, ehe das geschehen könne, müsse Goethe die Deutsche Verskunst schaffen.

Oeser wurde durch Goethe auch mit dem Weimarschen Hofe bekannt, der Herzog lernte ihn in Leipzig kennen und verkehrte gern mit ihm;[82] er sah den alten Forster zuerst bei Oeser und freute sich, wie die beiden Männer mit einander umgingen. „Oeser stallt ganz vortrefflich mit ihm; er hat eine hohe Freude an dem tollen Seefahrer. Wie sich nun der alte Oeser leicht imponiren läßt in gewissen Studien und viel aufs Amüsiren hält, so vergißt er scheints Alles bei ihm und läßt sichs herzlich wohl sein.“[83]

Die nächste Folge waren Einladungen nach Weimar, welchen Oeser schon im Jahr 1776 folgte.[84] Diese Besuche wiederholten sich im folgenden Jahr[85] und später kam Oeser ziemlich jedes Jahr wenigstens einmal nach Weimar. Dort finden wir ihn im Januar,[86] im Juni[87] und nachdem er mit der Herzogin Amalie eine Reise nach Mannheim gemacht hatte, im Herbst des Jahres 1780,[88] im Frühjahr[89] und im Herbst 1782,[90] im Juli 1783[91] und im selben Monat 1785.[92] Er war nicht nur als erfahrner Kenner, dessen Rath und Vermittelung bei Erwerbung von Kunstsachen man gern in Anspruch nahm, in Weimar willkommen,[93] sondern nahm an allen künstlerischen Unternehmungen dort thätigen Antheil. „Oeser ist hier und gar gut,“ schreibt Goethe, „schon habe ich seinen Rath in vielen Sachen genützt. Er weis gleich wie's zu machen ist, das was bin ich wohl eher glücklich zu finden;“ und nachdem er fort ist, meint Goethe: „Wenn ich ihn nur alle Monat einen halben Tag hätte, ich wollt' andere Fahnen aufstecken.“[94] Er malte für das Liebhabertheater einen Vorhang und Decorationen, namentlich für die Vögel, welche am 18. August 1780 in Ettersburg aufgeführt wurden.[95] Ebenso half er durch Rath und That bei den Anlagen, welche im Park und in Tiefurt gemacht wurden, und verfertigte das Monument, welches die Herzogin Louise dem Herzog Leopold von Braunschweig errichten ließ. In einem Briefe an Knebel vom 25. Jan. 1780 theilt er ihm einen Entwurf dazu mit, welchen er mit einigen Bemerkungen erläutert; dann schließt er charakteristisch genug: „Ich denke nicht, daß ich mich dieser Idee zu einem Monument zu schämen habe, meines Wissens ist der Gedanke neu und ich hoffe den Beyfall der Kenner zu erhalten. Die, so der Herr General Superintendent angegeben, kan ich unmöglich verdauen, es kommt mir vor, als wenn es sich so ausnehmen würde, daß der Hr. G. S. und ich die Erwartung des Publicums mit nichts Besserm zu befriedigen wüßten, als daß er aus einem alten Autor eine Stelle herläse und ich das Buch dazu hielte, anstatt daß er und ich was neues sagen sollten, und uns den gerechten Vorwurf müßten gefallen lassen, daß das Publicum die Stelle selbst aufschlagen und lesen könnte und nicht brauchte danach zu gehen. Die Alten studiren oder copiren ist nach meinen Begriffen zweyerley.“

Der Mann voll Geschmack und Geist, der stille Künstler von Weltmanns Klugheit, wie ihn Goethe bezeichnet,[96] gefiel gar sehr durch seine heitere Laune und anziehende Unterhaltung und erwarb sich die allgemeine Zuneigung. In ganz vorzüglichem Maaß gewann er die Gunst der Herzogin Amalie, zu deren Geburtstag (24. October) ihr alter Oeser, wie sie ihn zu nennen pflegt, sich gewöhnlich mit mancherlei schönen Gaben einstellte.[97] „Die Herzogin,“ schreibt Goethe,[98] „war sehr vergnügt, so lang Oeser da war, jetzt geht's freilich schon ein wenig einfacher zu. Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u. s. w., daß keine Minute leer war;“ und sie selbst schreibt:[99] „Unterdessen, daß Sie und fast Alles von hier diesen Sommer herumschwärmten, habe ich mich in mein kleines Tiefurt zurückgezogen, und meine Gesellschaft war der alte Professor Oeser von Leipzig, der 5 Wochen bei mir wohnte, und bei dem einem auch bei dem unfreundlichsten Wetter, womit uns dieser Sommer heimsuchte, keine Stunde zu lang wird.“[100] Mit gewohnter Liberalität unterstützte sie ihn auch bei der Erziehung seines Sohnes, wovon folgendes Billet von ihr an den Steuerrath Ludecus (im Album des Schillerhauses in Weimar) Nachricht giebt.

„Erinnern Sie sich nicht mehr, wie viel ich voriges Jahr dem jungen Oeser versprochen habe zu seiner weiteren Vorsetzung in der Welt. Der alte Vater hat sich wieder an mich gewandt zwar nur durch die dritte Hand. Ich bin es auf eine gewisse Art dem Alten schuldig, der Sohn verdient es nicht, aber der Vater. Wenn ich nicht irre so sind es 50 oder 100 fl. Wenn Sie sie haben, so bringen Sie sie selber an Goethe, der sie übermachen wird an den alten Vater. Leben Sie wohl.Amelie.“

In späteren Jahren hören wir von Oesers Besuchen in Weimar nichts, wovon sein vorgerücktes Alter die Ursache gewesen sein mag; doch scheint seit Goethes Italiänischer Reise der Verkehr mit ihm nachgelassen zu haben.

Oeser starb an einem Stickfluß den 18. März 1799; Goethe ehrte sein Andenken durch eine sein Verdienst anerkennende Würdigung in den Propyläen vom Jahr 1800 (III. S. 125 ff.).