Man hat sich, und nicht mit Unrecht, darüber gewundert, daß Goethe in der Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“ Oesers mit keinem Worte gedenkt, der doch so großen Einfluß auf beide gehabt hatte. Dieses Stillschweigen, wie die etwas skeptische Weise, mit welcher Goethe in Wahrheit und Dichtung von jenem Einfluß Oesers auf Winckelmann spricht,[101] ist wohl eine Wirkung der Italiänischen Reise. Daß Oeser auf Goethes künstlerische Auffassung bedeutend einwirkte, und noch später ihm als Kenner und Künstler hochstand, liegt klar vor, der Aufenthalt in Italien aber modificirte sein künstlerisches Urtheil gar sehr. „Ich dachte wohl,“ sagt er,[102] „hier was rechts zu lernen; daß ich aber so weit in die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen, ja durchaus umlernen müßte, dachte ich nicht.“ Auch hier ging er dankbar von Winckelmann aus und kehrte immer zu ihm zurück, aber er erkannte auch, daß von ihm der Begriff zwar richtig und herrlich aufgestellt, alles Einzelne aber noch im ungewissen Dunkel sei.[103] Da fand er nun einen Führer an Heinrich Meyer, der den sichern von Winckelmann und Mengs eröffneten Weg ruhig fortging.[104] „Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe,“ schreibt er von ihm. „Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles aufschreiben möchte was er sagt, so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte. Sein Unterricht giebt mir, was mir kein Mensch geben konnte. Alles was ich in Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhält sich zu seiner Leitung wie Baumrinde zum Kern der Frucht.“[105] Meyer war durch eine umfassende, auf sorgfältige Beobachtung gegründete Kenntniß der Kunstwerke ausgezeichnet, die er sich nach Winckelmanns System geordnet hatte, das er wohl inne hatte und auszubauen verstand. Er war durch seinen nüchternen, klaren Verstand und seine Ruhe von Oesern ganz außerordentlich verschieden und bot Goethe das dar, dessen er damals bedurfte. Nach einer andern Seite hin war der Verkehr mit Moritz[106] für die Auffassung des Schönen und der Kunst anregend und fördernd, auf welche Goethes naturwissenschaftliche Studien eine so eigenthümliche Einwirkung hatten. Ohne gegen Oeser undankbar zu werden, dessen früheren Einfluß auf sich er so wahr und warm geschildert hat, lernte er seinen Werth als Künstler und Kritiker unbefangner würdigen, und kam wohl zu der Überzeugung, daß das, was Winckelmann in früheren Jahren Oeser verdankte, zu hoch angeschlagen werde gegen das was er in Rom durch sich selbst und Mengs geworden sei. So schwieg er über Oeser, um nicht härter über ihn sich auszusprechen, als er selbst wohl wünschte.

Was von Goethes Briefen an Oeser und seine Tochter Friederike erhalten ist, befindet sich jetzt im Besitz der Bibliothek zu Weimar, von wo aus mir die Erlaubniß zur Veröffentlichung derselben gegeben worden ist. Ein Theil derselben war bereits im Morgenblatt 1846, Nr. 112 ff. 117. gedruckt worden.

Manche Papiere und Nachrichten, welche Oeser und seine Familie angehen, verdanke ich der gütigen Mittheilung seines Enkels, Herrn Geyser, in dessen Besitz sich auch das von Tischbein aus Cassel gemalte Bild von Friederike Oeser befindet, welches hier copirt ist.

[58] Vgl. Seume, N. Teutsch. Merc. 1799 II. S. 152 ff. Leipziger Kunstblatt 1817 N. 8. 9.

[59] Winckelmanns Briefe I. S. 102.

[60] Winckelmanns Briefe I. S. 105. 165.

[61] Winckelmanns Briefe I. S. 145. II. S. 292.

[62] Weimar. Herder-Album S. 456.

[63] Vgl. Werke I. S. 83 (222), 115 (224), 214 u. S. VIII.

[64] Werke I. S. 212.