Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen. Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.
Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land durchkreuzenden Kanälen in Verbindung.
Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor, in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen. Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen, stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald, daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es um uns her.
An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden, bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben. Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird, daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist gewöhnlich schon zu spät.
Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte, was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig, tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne.
Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke, gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell und war gar leicht und artig anzusehen.
Leeds
Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire. Traurig war die erste Hälfte des Weges, wieder mußten wir steile, himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes, der sich gewöhnlich ganz England als ein schönes, fruchtbares, einem Garten ähnliches Land denkt. Öde, unangebaut, ohne Spur freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier müssen, wie auf den westfälischen Steppen, durch die wir früher gekommen, die Jahreszeiten ebenso unmerkbar für die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt ihnen Gaben, womit sie glücklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum, kein Kornfeld, keine ländlichen Gärten, aber überall Blei- und Kohlenminen, Steinbrüche, Schmelzöfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von großen, einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebäuden.
Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; überall sahen wir den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, während jener selbst nur kümmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemälde menschlichen Fleißes, doch nicht von der erfreulichen Seite. Wie erheiternd ist doch der Anblick des rüstigen Landmanns, der im Schweiße seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie schmückt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wühlen muß, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beängstigendes Gefühl des Mitleids drängte sich uns unwillkürlich auf bei diesem Schauspiele, das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten.
Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und ländlicher; wir dachten des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fußnote: Oliver (1728- 74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemütlicher Dichtung bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Dörfchen, sein wirtliches Dach. Wakefield ist ein Städtchen voll Fabriken.