Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich große Stadt, welche hauptsächlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt war von einer höchst traurigen, herzzerreißenden Szene begleitet. Wir bemerkten mit Erstaunen, daß der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum, dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau mit der Gebärde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mädchen blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute, was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme. Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Händeringen rief sie: "Ach, er war der schönste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt, immer gehorsam und fleißig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis fröhlich aus der Schule, und nun—." Wir fuhren mit schwerem Herzen und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen, hier trösten zu wollen?

Wunderbar ist's, daß in England nicht unendlich viel Kinder verunglücken; nirgends scheint der alte fromme Glaube, daß jedes seinen eigenen Engel habe, der es beschützt, einheimischer als hier; denn nirgends werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst überlassen. In den Städten und Dörfern, auf den volkreichsten Straßen kriechen kleine, kaum zweijährige Säuglinge in den Fahrwegen umher, größere Kinder laufen ohne Furcht im Gewühle zwischen Rädern und Pferden durch, und der Reisende sitzt ängstlich im pfeilschnell rollenden Wagen und zürnt über die unachtsamen Mütter.

Die Tuchfabrikanten machen den größten Teil der Einwohner von Leeds aus; sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter, mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hält. Diese Halle, ein großes, ganz bedecktes Gebäude, schließt einen geräumigen Hof von allen vier Seiten ein und ist einer Börse nicht unähnlich.

Man macht sehr hübsche Teppiche in Leeds, sie werden auf gewöhnlichen Webstühlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen, wie schnell die schönen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fußdecken für die Zimmer arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen zu Treppen und Vorplätzen nur einer.

Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall

Ripon, ein freundliches, reinliches Landstädtchen, liegt in einer zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough [Fußnote: ursprünglich Bezeichnung für eine Burg oder eine befestigte Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough] und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied zu wählen und nach London zu schicken. Nun gehören alle Häuser in Ripon einer alten achtzigjährigen Dame, die unermeßlich reich, auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Güter im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige Grundbesitzerin in Ripon, wählt also dies Mitglied, und das Gewicht, welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Königreich erhält, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miß Lawrence alle ihre Reichtümer und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon längst über die Jugendjahre hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und erklärt laut: sie würde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst kürzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde. Miß Lawrence ward uns übrigens als sehr gut und auch im Äußern nicht unliebenswürdig geschildert.

Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus enthält nichts besonders Sehenswertes, auch die Außenseite desselben zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitläufigen Spaziergänge gehören aber zu den schönsten in England.

Der Park hat einen, ihn von den gewöhnlichen Parks unterscheidenden ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grüne Rasenplätze trifft man weniger, aber herrliche Schattengänge, unter dem Schutze himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen, auf lachenden Höhen und in duftigen Tälern. Mit unbeschreiblichem Vergnügen wandelten wir hier und ahnten nicht, daß die Krone des Ganzen uns noch erst wunderbar überraschen sollte. Unser Führer, ein alter vernünftiger, eisgrauer Gärtner, seit mehr als vierzig Jahren hier in Dienst, öffnete plötzlich eine kleine, unscheinbare Gartentür, und wir erblickten in einem lieblichen grünen Tale die schönsten gotischen Ruinen, die wir je sahen.

Vom Morgenstrahl gerötet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es waren die Überbleibsel von Fountains Abbey [Fußnote: in seinem Grundriß einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergründung: 1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die Ruinen zählen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwölften Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfünfzig Jahren in Trümmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach fehlt gänzlich, die Seitenwände größtenteils auch; aber noch stehen, wie trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit Skulptur gezierte Säulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten; feste Gewölbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstörung, alles bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Särge stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch die Kreuzgänge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele unterirdische Gänge und Gewölbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt man eine Küche, und an dem die Wand schwärzenden Rauche die Stelle, wo sonst der Herd stand.

Fountains Abbey ist ein großes Grab vergangener Zeiten, dennoch drängt sich überall das frische Leben der ewig jungen Natur üppig hervor. Efeu umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der Hoffnung, junge Blumen und Sträuche nicken aus den hohen Bogenfenstern und von den Kapitellen der Säulen. In der Kirche wandelt man unter dem Schatten bejahrter Bäume. Überall neues Entstehen mitten unter den Trümmern der Zerstörung, überall die Lehre, Menschenwerk ist vergänglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen.