»Ach, um’s Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich’s nicht«, entgegnete Andres in Aufregung; »aber nun ist das Kind bei mir gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies, und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Vetter-Götti hat schon zweimal den Buben geschickt; es müsse nun zurück, morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt: seitdem der Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man kann’s wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles, was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe.«
Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen; jetzt sagte sie ruhig: »Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich würde es ganz anders machen.«
Andres schaute sie fragend an.
»Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: ›All’ mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.‹ Würde es Euch nicht gefallen so, Andres?«
Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer größer geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:
»Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli tun, so daß ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?«
»Das könnt Ihr, Andres«, versicherte die Frau Oberst, »geradeso! Sobald das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind, Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach der Stadt in die Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu Fuß könnt Ihr noch nicht gehen.«
Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums andere: »Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?« Dann stand er wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: »Kann es jetzt sein, gleich jetzt, heut’ noch?«
»Gleich jetzt«, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.
»Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid«, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür; »meint Ihr nicht?«