Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an. Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«
Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken, wenn er schon krank ist?«
Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig, Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen. Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.
Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.«
Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser. Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus mit ihm.
Achtes Kapitel.
Am Silser See.
Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.