This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.
“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner Teilung.
This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.
Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.
Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn jetzt der Hans an.
“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.
Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden zog. Er mußte noch einmal dorthin.
Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.
So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.
“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.