Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.
“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.
“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.
Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”
“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, “der Melker kam erst lange nachher.”
“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn gewollt und gemacht?”
Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: “Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte herrlich.
Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht etwa krank werden.”
Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben gerettet hatte.
Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”