Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, denn er war ganz atemlos vom Laufen.

“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. “Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”

“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.

Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.

Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen Korb am Arm heraus.

“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du wieder mit?”

“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”

“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Leiter hinauf.

Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: “Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, daß du mich hast holen lassen?”

“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch nicht weit.”