Die Großmutter wollte damit das Gespräch beenden, aber das Kind fing plötzlich an, bitterlich zu weinen. Die Tränen stürzten ihm wie Bäche aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stieß es hervor: “Großmutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zündet Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt kein Mensch. Ich gehe nicht, Großmutter, ich kann nicht gehen! Ich kann nicht!”
“Komm, Trineli, komm”, sagte beschwichtigend die Alte, die einen solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, “komm, wir müssen nun unser Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. Über Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am Abend vorher war.”
Aber das Trini mit seiner heftigen Gemütsart war nicht so schnell wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und bis tief in die Nacht hinein hörte die Großmutter sein Schluchzen und Weinen. Das war ein neuer Kummer für die alte Waschkäthe. Sie hatte nicht geglaubt, daß das Kind sich so über den Vorschlag des Vetters aufregen würde.
3. Kapitel
Dem Trini wird etwas Neues verständlich
Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die Großmutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie vergaß sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen mußte. Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere kommen müßte, so werde er es für das Kind zum Guten wenden. Als nun die Großmutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war, die Sonne schien und die Vögel wie immer lustig pfiffen, da dachte das Trini, die Gefahr sei vorüber. Es glaubte, der liebe Gott habe wirklich, wie die Großmutter gesagt, über Nacht etwas geändert, und die alte Fröhlichkeit kehrte in Trinis Herz zurück. Jeden Abend, wenn die Kinder über die Wiesen liefen, hörte man allen anderen voraus Trinis helle Stimme erschallen:
Erdbeeren rollen,
Die Kratten all, die vollen...
Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man mußte weiterliegende Plätze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und hinten bei der Mühle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort waren ganze Schätze von Erdbeeren zu finden, das wußten die Kinder alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da mußte man um das große Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem großen Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag heiß brannte, schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie Kirschen so groß.
Aber der Kornbauer, dem das große Feld gehörte, konnte es nicht leiden, daß die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er sie augenblicklich mit den größten Drohungen davon. Und nicht selten folgte den Drohungen gleich die Erfüllung, denn das Mittel dazu trug er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es nur die Allerkühnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen gehörte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung stattfinden, denn schon seit dem frühen Morgen schimmerte es oben am Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab. Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es hatte seinen großen Kratten an einer langen Schnur um den Hals gebunden, damit es nachher immer mit beiden Händen zugleich rupfen und die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten mußten. Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Mädchen kamen keine, sie fürchteten sich alle. Nun ging es vorwärts. Aber heute durfte unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man wollte nicht, daß der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte. Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.
Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glühten die großen Beeren zwischen allen Halmen durch, über alle Blätter hinaus. Es war ein überquellender Reichtum, man konnte nur so in die Fülle hineinfahren. Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflücken, und bevor die anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon den halben Kratten gefüllt. Mit beiden Händen faßte es immer zu nach allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schönere und noch größere hervor. Aber plötzlich ertönte eine wütende Stimme:
“Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?” Da stand der kräftige Bauer mit den knochigen Händen vor ihnen und hob seine Faust in die Höhe. “Macht, daß ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr sehe, oder...” Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei Beeren weg. Jetzt nur noch die drei großen—nur noch jene zwei—das Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.