“Jetzt weiß ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine Schärmaus. Mach, daß du den Fleck räumst, und komm mir nicht noch einmal ans Korn!” drohte der Bauer zornig.
“Ich habe gewiß nie das Korn zerstampft, keine Ähre”, versicherte das Trini, immer noch rupfend, “ich wollte ja nur die Beeren holen.”
“Ich kenne dich wohl”, brummte der Bauer. “Pack dich, oder ich nehme dich bei den Ohren und schüttle dich, daß du meinst, du hättest deren vier am Kopf!”
Der Bauer kam heran. Jetzt schoß das Trini auf und davon. Von seiner inneren Entrüstung getrieben, daß es alle die schönen Beeren hatte stehenlassen müssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, stürzte es auf die Großmutter los und rief: “Nein, nie habe ich das Korn zerstampft, keine Ähre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott ließe dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm nichts Böses getan.”
“He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?” sagte mahnend die Großmutter. “Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein Licht zünden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum Abendessen. Komm, erzähl mir alles, wie es zugegangen ist.”
Daß die Großmutter anhören wollte, was es zu berichten und zu klagen hatte, besänftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, daß es keiner Ähre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von den Würmern und Schnecken verdorben würden. Als es zu des Bauern Drohung von den vier Ohren kam, mußte es noch einmal rufen: “Nicht wahr, Großmutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen würden, das hätte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und nie, nie ein Korn zerstampft!”
“Trineli”, sagte jetzt die Großmutter, “wir wollen dem Bauer seine zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wäre es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Böses tut oder sagt, so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann müssen wir ein wenig weiter denken und fragen: ‘Haben wir nicht doch so etwas verdient?’ Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, daß wir einmal einem anderen recht weh getan haben, der es leiden mußte und sich nicht wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie’s tut, und es wird uns leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den anderen gutmachen, wenn wir es können. Das ist dann genau das, was der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so böse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann können wir aber auch nicht mehr so böse gegen den sein, der das getan hat. Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen Besen brauche, wenn ich die Stube schön sauber und rein fegen will. So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehört, Trineli, und willst du daran denken, was ich dir gesagt habe?”
Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehört, und über den Worten der Großmutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt kamen ihm seine schönen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie schnell herbei, damit die Großmutter noch im Mondschein die Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll war wie gewöhnlich, so hatte sie doch außerordentliche Freude und sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen. Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldäpfelbäuerin hinunter, aber die Großmutter sagte, so spät kaufe die Bäuerin keine Beeren mehr. Am nächsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.
4. Kapitel
Noch eine zornige Rede und was daraus folgt
Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schöne Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald über Hochtannen war noch eine späte, kräftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden. Denn jetzt reisten viele Fremde über den Berg, und unten im Wirtshaus an der großen Straße machten sie meistens Halt. Die seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu füllen, und man mußte genau wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer fröhlichen Mutes war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg hinauf, dem Tannenwald zu. Es wußte, daß nun die letzten, würzigen Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der Weg zu weit und die Suche zu mühsam.