Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, daß es dem Trini nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte sich auf den Boden hin, es mußte sich Luft machen.
“Nein, das habe ich nicht getan”, rief es aufgeregt. “Ich habe nie die Äpfelbäume geschüttelt, nie! Aber die Bäuerin ist nur ein Besen, ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Großmutter gesagt, und der liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar nichts gemacht, ich habe nichts Böses getan.” Hier hielt das Trini auf einmal inne. Denn plötzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: “Ja, es ist wahr, das war doch nicht recht.” Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal eingefallen, daß es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite gestoßen und sich schnell über die Beeren hergemacht hatte, die das Maneli auch gern eingesammelt hätte. Es war aber immer still auf die Seite gewichen, das Trini war ja viel stärker und flinker. So leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.
Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Großmutter zu, sondern querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen Häuschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben schimmerte ein dünnes Lichtlein. Auf einmal hörte das Trini ein leises Schluchzen ganz in seiner Nähe. Es schaute sich um. Auf einem Holzblock vor dem Häuschen saß ganz unbeweglich eine kleine Gestalt, den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.
“Was hast du, Maneli?” fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt erkannt hatte, “warum weinst du so?”
Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie gesehen hatte.
“Ich darf nicht hinein”, sagte es schluchzend, “die Mutter ist krank und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte sie, für den Abend bringe ich, will’s Gott, etwas heim, wenn ich in die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich würde dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini, nur die habe ich.” Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Höhe und Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des Korbes war bedeckt. Das Trini fühlte seinen schweren Kratten am Arm. Es war ihm, als werde er immer schwerer und drücke es nicht nur am Arm, sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal riß es Stäbchen und Blätter weg, kehrte seinen Kratten um und schüttete den ganzen, reichen Inhalt in Manelis leeren Korb, so daß dieser bis oben hin voll war und noch übrig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die Blätter am Boden und sagte: “Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht.” Und fort rannte es in hohen Sprüngen.
“Trini! Trini! Danke tausendmal!” rief ihm das Maneli aus allen Kräften nach, dann stürzte es in die Hütte hinein. Jetzt hielt das Trini auf einmal an und kam zurück gerannt. Es wollte sehen, was die Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben an dem niedrigen Häuschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging. Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hände zusammen und sagte immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute: “Wie ist es möglich, Kind? Wie ist es nur möglich?”
“Vom Trini, vom Trini!” wiederholte das Maneli drei-, viermal, “es hat sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, für diese Menge gibt die Wirtin jetzt zwei ganze Franken.”
“Gott vergelt’s dem Kind und ersetz es ihm und der Großmutter hundertfach, was es heute für uns getan hat. Er weiß allein, wie ich mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot für euch nehme. Und nun haben wir ja für einige Tage genug.”
Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet, als danke sie im stillen noch für die große Wohltat. Jetzt schoß das Trini davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch keine empfunden hatte. Die Großmutter hatte wohl recht gehabt, daß man am Ende den Gewinn davon habe, und daß es einem so wohl werde wie noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen wolle. Nun machte es noch neue Pläne in seinem Herzen: Bald konnte man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefüllt hatte, noch dem Maneli den seinigen füllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich über die Worte der armen, kranken Mutter mehr gefreut, als über den eigenen vollen Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine Erlebnisse erzählte und zuletzt der Großmutter den ganz leeren Kratten vorwies, sagte es bittend: “Nicht wahr, du bist nicht böse mit mir, Großmutter, daß ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie gewiß alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gönnen?”