Da lobte die Großmutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht hätte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen können, wie jedes sein Stück bekomme und es gewiß jetzt eben fröhlich verspeiste.
5. Kapitel
Wie es mit dem Vetter geht
Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen Bäumen glänzten die Äpfel rotgolden und kündeten den Herbst an. Der Vetter hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. In der alten Käthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben geändert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als könnte sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben müßte. Das Trini war fröhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.
Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkäthe ein und sagte, er komme aus dem Reußtal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle die Kleider und alles für das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald er wegen seines Geschäfts über den Berg müsse. Mit dem Vormund des Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule und den Lohn und das übrige betreffe. Der Großmutter wurde es vor Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mußte sich schnell setzen, um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn plötzlich gekommen, was sie freilich immer im stillen befürchtet, aber doch immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da, denn daß der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind übergeben würde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja für keinen Verdienst sorgen. Sie wußte nicht einmal, wie lange sie sich selbst noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht stellen und für die Versorgung des Kindes für alle Zukunft garantieren. Es mußte sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Käthe hatte schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre ganze Freude und Stütze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines ihrer Glieder abreißen, ohne das sie nicht mehr fortleben könnte.
Sie überdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte. Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal ausgebrochen war, als sie darüber geredet hatte, so hatte sie nicht den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte sie, das beste sei, gar nicht über die Sache zu reden. Ein kurzer Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen. Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrübte Tage. Aber von dem Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Großmutter, daß es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte: “Großmutter, was hast du denn? Ich will alle Nächte durch Brombeeren suchen, wenn du dich sorgst, wir können nicht mehr leben, weil du nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!” Und das Trini streckte seine zwei festen Arme der Großmutter als Beweis entgegen, daß sie sich nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn sie sah ja nur zu gut, wie groß und stark das Kind geworden und daß es wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fähig war als zu der, die es jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der Dämmerung saß und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche schwere Not zurückschaute, aus der ihr der liebe Gott so väterlich geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:
“Drum, meine Seele, sei du still
Zu Gott, wie sich’s gebühret.”
So saß sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte, und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen zu bereiten. Da hörte sie jemand auf ihr Häuschen zukommen. Das war nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam’s—es mußte der Vetter sein. Der Großmutter wollte das Herz stillstehen. Nun ging die Tür auf, und mit festem Schritt, einen großen Korb am Arm, trat die Goldäpfelbäuerin herein und fragte: “Wo sind Sie denn, Käthe? Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wünsch’ ich Ihnen!” Die Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezündet und schüttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glänzten viele herrliche Goldäpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. “Ich habe Ihnen ein wenig Äpfel gebracht, die Bäume haben dies Jahr schön getragen”, sagte die Bäuerin wieder, “was Sie nicht selbst brauchen, wird das Kind nehmen, wo ist es?”
Die Käthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem Beerenlesen bald ein Ende haben. “Das wird’s”, bestätigte die Bäuerin. “Es ist mir aber gerade recht, daß das Kind weg ist, ich möchte noch etwas mit Ihnen reden.” Die Käthe holte ihre Stühle herbei, und als die beiden nun voreinander am Tisch saßen, der große Apfelkorb zwischen ihnen, fing die Bäuerin wieder an: “Ich habe da vor kurzem etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzählt haben. Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das ganze Kohlrübenbeet verdorben und war dazu noch unverschämt. So sind sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht gern hören, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tür, und es heißt: Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr ärgerlich, als das Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hörte ich aber etwas, das hat mir gefallen, ich mußte zu mir sagen: Die alte Käthe hat das Kind etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mädchen, das so denkt, mußte gut auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht überdacht hatte, faßte ich einen Entschluß. Darüber möchte ich jetzt mit Ihnen reden.
“Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist groß und stark, und gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frühling haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen recht wäre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter über hätte ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nächsten Sommer würde es eine ordentliche Magd für mich. Sie müssen sich aber nicht sorgen, Käthe. Ich weiß schon, daß jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen muß, für Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm gleich den ganzen Lohn, den die Mägde hatten, und jede Woche noch ein Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil, daß es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir’s wieder. Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum fangen Sie denn an zu weinen, Käthe? Das Kind soll es gut haben bei mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Säcklein Mehl und eine Flasche Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und außerdem gibt es das Jahr hindurch noch manches andere, da können Sie sicher sein.”
“Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug”, konnte hier endlich die alte Käthe hervorbringen, “ich weine ja nur vor Freude, vor lauter Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit haben, und welche Wohltat Sie an mir tun.”