“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere
Frau genommen?”

“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, “wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die Treue selbst.”

“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mir leid tun.”

“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren war.”

“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat doch seine lustigen Augen nicht verweint?”

“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr.”

“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein, ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.”

“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.”

“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max.

“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem Kind.”