Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.”
“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu machen.”
“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo ist denn das Wisi hingekommen?”
“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen. Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’ Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer wieder in den Sinn.”
Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf, so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so ganz eigen zärtlich heraus.
Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte. Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:
(‘Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)
(‘Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.’)
Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt.
Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt hat.”