“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter.

“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.”

“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder.
“Die muß ich auch noch wissen.”

“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre an.

“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses
Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.”

“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.”

“So fang an!” ermunterte der Onkel.

“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß Aloise.”

“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein.

“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen, sonst geht’s nicht’?”