“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus.”

“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch nicht mehr sagen.”

Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht hier gesehen?”

“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: ‘Aristokratenbrut!’”

“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: ‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.

“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.

“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”

Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der
Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.

Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.”

“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.”