Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du, Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?”
Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich—weiß nicht, was die Mutter hat.”
Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf, ich will warten, bis du wieder kommst.”
Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen wurde der Jammer immer größer.
Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was ist mit dir?”
Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen.
Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht da.”
Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: “Mutter!”
Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: “Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich dich nicht mehr hören kann.”