So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, dann gehen wir.”
“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft.
“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.”
Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so lustiger für dich.”
Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand fertig da.
“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür.
Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar nichts.”
Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: “Behüte dich Gott, Mutter!”