Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.
Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: “Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann?”)
Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem
Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett.
5. Kapitel (Wie es weitergeht und Sommer wird)
Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte.
Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie manche davon noch ganz ist!”
“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?” unterbrach die Mutter den Sohn.
“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur probieren…” Hier wurde Otto wieder unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte seine Stimme.
“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen, die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte.