Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen.
Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?”
Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein.
Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird…” So war es jetzt schon gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken, wie es heiße in seinem Lied:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)
Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte:
(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)
So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor:
(“Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)
(Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)