Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.”
Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg.
“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte.
“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter herein und kam damit auf den Tisch zu.
“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”, sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen, Kleines?”
Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.”
Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!”
“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager.