Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte. Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s nachher.”

So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können sie essen.”

Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf
Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der
Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den
Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein
Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich,
dort sitzen, oder nicht?”

“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder. Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an.

“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch etwas da ist.

“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.

Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich brauche keinen, ich habe keinen Hunger.”

“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, was zu ändern.”

“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.”

Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst du von nun an tun.”