Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher vor.”
Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.
“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester gestaltet er sich vor meinen Augen.”
“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst, ganz neugierig geworden.
Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen. Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’ genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’ oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als er. Gibt dir das nicht auch zu denken?”
“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da muß ich sofort etwas unternehmen.”
Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen.
Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen und gleich wieder verschwunden war.
So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er keine Ahnung.
Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt.