Fig. 5 b

Welche Bewußtseinsinhalte gewinnen wir, wenn wir mit zwei Augen sehen? Hält man zwei Finger in einer Linie, aber in verschiedener Entfernung vor beide Augen und fixiert den nächstgelegenen, so erscheint der entferntere doppelt; richtet man jedoch den Blick auf den entfernteren, so sieht man den näheren doppelt. Die vereinte Tätigkeit beider Augen kann somit sowohl einfache wie doppelte Bilder liefern. Es fragt sich also: Wann sehen wir einfach und wann sehen wir doppelt? Entwirft man eine schematische Zeichnung von der Lage beider Augen und dem Gang der Lichtstrahlen in den beiden genannten Fällen, so findet man: das Bild der fixierten Punkte fällt jedesmal auf den nämlichen Punkt der Netzhaut, auf die Netzhautmitte. ([Fig. 5].) Die Bilder der nicht fixierten Punkte treffen nicht auf gleichgelagerte Stellen: wird der entferntere Finger fixiert, so bildet sich der nähere in dem linken Auge links, in dem rechten Auge rechts von der Netzhautmitte ab; wird der nähere fixiert, so fällt das Bild des entfernteren in dem linken Auge rechts und in dem rechten links von der Netzhautmitte. Richten wir beide Augen statt auf einen einzelnen Punkt auf einen ausgedehnten Gegenstand, so sehen wir den ganzen Gegenstand einfach. Das schematische Bild des Strahlenganges läßt erkennen, daß z. B. die von dem rechten Ende eines Pfeiles ausgehenden Lichtstrahlen auf jeder Netzhaut Punkte treffen, die in gleicher Richtung und in (ungefähr) gleichem Abstand von der Netzhautmitte gelegen sind; es sind das gleichgelagerte oder korrespondierende Punkte, auch identische oder Deckpunkte genannt. Da ihre Erregung durch gleichfarbige Lichtstrahlen dem Bewußtsein die nämliche Empfindungsqualität vermittelt, so kann nur ein Sehding bewußt sein[5]. Anders ist es bei der Reizung von nichtkorrespondierenden Stellen der Retina. Bei gleicher Empfindungsqualität haben sie doch einen verschiedenen Ortswert zu melden und erzeugen darum ein doppeltes Bild. — Würde man rein mathematisch die Gesamtheit der Schnittpunkte jener Linien aufsuchen, die von korrespondierenden Netzhautpunkten ausgehen und je durch die Knotenpunkte der beiden Augen geführt sind, so erhielte man die Gesamtheit all jener Punkte, die bei einer bestimmten Augenstellung einfach gesehen werden; es wäre dies der mathematische Horopter. Allein wir haben oben schon gefunden, daß die beiden Netzhauthälften nicht ganz gleichwertig sind. Da nun jeweils die innere Netzhauthälfte des einen Auges zu der äußeren des andern Auges in Beziehung gebracht werden muß, so werden weder die Deckpunkte exakt die gleiche Lage zur Netzhautmitte haben, noch wird der mathematische mit dem empirischen Horopter ganz übereinstimmen. Überhaupt ist festzuhalten, daß die Deckpunkte einen gewissen Spielraum zulassen, innerhalb dessen noch einfach gesehen wird.

Da wir immer nur einen Teil des Sehfeldes fixieren können, so müßten wir nach dem Gesagten immer Doppelbilder haben, von den Dingen, die vor dem Fixierpunkt, und von denen, die hinter ihm liegen. Und doch bemerken wir für gewöhnlich nichts von ihnen. Woher dies? Wer das anfangs erwähnte Experiment anstellt, wird finden, daß es eine gewisse Mühe macht, einen Punkt zu fixieren und einen andern daneben zu beachten. In demselben Maße, wie es gelingt, die nicht fixierten Punkte zu beachten, nimmt die Klarheit des Doppelbildes zu. Da wir nun im praktischen Leben immer nur den fixierten Gegenständen die größere Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, so entwickeln sich die Doppelbilder nicht zu merklicher Klarheit. Dazu kommt, daß wir unsere Fixation fortwährend wandern lassen und daß die von beiden Netzhäuten herrührenden Bilder häufig nicht gleich stark sind, weshalb das schwächere von dem stärkeren verdrängt wird.

Werden die korrespondierenden Punkte von gleichartigen Reizen getroffen, so steht im Bewußtsein nur ein Bild. Man kann darum den Versuch machen, zwei Deckpunkte durch verschiedenartige Reize zu erregen. Es erfolgt dann eine Mischung und Vereinigung beider Eindrücke, wo diese leicht möglich ist. So verbindet sich eine Druckschrift bequem mit einem weißen oder farbigen Hintergrund. Auch nichtkomplementäre Farben lassen häufig die entsprechende Mischfarbe erkennen. Komplementäre ergänzen sich unter gewissen Bedingungen zu grau. Aber namentlich bei ihnen zeigt sich gern der sogenannte Wettstreit der Sehfelder: es erscheint nicht die Mischung beider, sondern abwechselnd bald die eine und bald die andere Farbe allein. Eine geringe Verschiebung des gegenseitigen Stärkeverhältnisses oder auch die Bevorzugung des einen Reizes durch die Aufmerksamkeit läßt diesen alsbald über den Konkurrenten obsiegen.

2. Die Sehrichtung des Doppelauges

Fixieren wir ein näher gelegenes Objekt, so konvergieren die Blicklinien beider Augen, d. h. die Verbindungslinien des fixierten Punktes mit der Netzhautmitte eines jeden Auges bilden zusammen einen Winkel, wie sich aus der schematischen Zeichnung ersehen läßt. ([Fig. 5].) Es ergibt sich also das Problem: In welcher Richtung sehen wir bei Verwendung beider Augen die Gegenstände, da doch jedes Auge in eine andere Richtung weist? Man bringe an einer Fensterscheibe einen kleinen Fleck an, schließe das linke Auge und fixiere mit dem rechten den Fleck auf der Scheibe und merke sich gleichzeitig jenes Objekt der äußeren Umgebung, das man beim Fixieren des Fleckes miterblickt. Darauf schließe man das rechte Auge und fixiere mit dem linken. Man sieht dann hinter dem Fleck ein anderes äußeres Objekt, das von dem soeben wahrgenommenen beträchtlich nach rechts gelegen ist. Nunmehr fixiere man den Fleck auf der Scheibe ein drittes Mal, aber jetzt mit beiden Augen. Dann scheinen die beiden zuvor gesehenen Objekte nicht voneinander entfernt, sondern in derselben Richtung hinter dem Fleck zu liegen. Alle Gegenstände, die auf der Sehrichtung des einen Auges liegen, werden mit denen, die auf der zugehörigen Sehrichtung des andern Auges liegen, in eine gemeinsame Sehrichtung vereinigt. Dies ist das Gesetz der identischen Sehrichtungen (Hering). Das Doppelauge lokalisiert so, als ob es ein einziges, zwischen den beiden Augen gelegenes wäre. (Das „Zyklopenauge“.) Durch diese Tatsache ist die oben erwähnte Projektionstheorie endgültig erledigt.

3. Das Tiefensehen mit zwei Augen

Denkt man sich durch den Fixationspunkt senkrecht zur Blicklinie des Zyklopenauges eine Ebene gelegt, so bilden sich außer dem Fixationspunkt auch die auf dieser „Kernfläche“ befindlichen Punkte auf identischen Netzhautstellen ab und werden somit einfach gesehen. Fixiere ich darum von zwei Nadeln, die in der Kernfläche sind, die eine, so erhalte ich auch von der nicht fixierten ein einfaches Bild. Verschiebt man nun diese Nadel ein wenig vor oder hinter die Kernfläche, so bleibt ihr optisches Bild dennoch einfach, doch wird ihre Tiefenlage vor oder hinter der Kernfläche wahrgenommen. Verschiebt man die Nadel jedoch etwas mehr aus der Kernfläche heraus, so wird sie alsbald doppelt gesehen. Der Strahlengang bei den drei erwähnten Lagen der nicht fixierten Nadel läßt sich sehr leicht zeichnen. Aus dem schematischen Bild kann man nun unmittelbar folgenden Satz ablesen: Das Einfachsehen nicht fixierter Punkte ist nicht streng an die identischen Netzhautstellen gebunden; werden indes zwei nur ungefähr identische Punkte der Netzhäute gereizt, so scheint das Objekt, von dem diese Reizung ausgeht, vor bzw. hinter der Kernfläche zu liegen.

Die Gegenprobe und den vollen Beweis zu diesem Satz erbringt ein von Hering angegebener Versuch, in dem eine Reizung nahezu identischer Punkte ermöglicht wird, ohne daß sie, wie soeben, von einem objektiv außerhalb der Kernfläche liegenden Ding bewirkt wird. Man zeichne auf zwei Papiere je drei einander parallele und gleichweit abstehende Gerade und bringe beide Zeichnungen in einem Stereoskop an Stelle der stereoskopischen Bilder symmetrisch an, so daß die Geraden senkrecht von oben nach unten verlaufen. Fixiert man jetzt die mittleren Linien, so erblickt man statt der sechs vorhandenen nur drei in einer Ebene liegende Gerade. Zeichnet man nun auf einem der Papiere die mittlere Gerade ein wenig nach rechts oder links, so bildet beim Hineinschauen das eine Auge die mittlere Gerade genau im mittleren Längskreise ab, während das andere sein Bild ein wenig links oder rechts von der Netzhautmitte hat, — die Richtung beider Augen bleibt nämlich nach wie vor dieselbe. Die psychische Wirkung dieser Reizungsart ist nun die, daß nunmehr nicht etwa vier Striche gesehen werden, sondern daß nur drei Gerade erscheinen, deren mittlere jedoch vor oder hinter den anderen zu liegen scheint.

Die zwei soeben geschilderten Versuche gestatten auch eine Messung der Tiefensehschärfe. Man rückt von drei in der Kernfläche befindlichen Nadeln die mittlere so weit aus der Kernfläche, bis ihre verschiedene Tiefe eben bemerkt wird. Oder man mißt, wie weit bei dem stereoskopischen Versuch die mittlere Senkrechte seitlich verschoben werden muß, bis ein Tiefeneindruck entsteht. Es stellte sich heraus, daß das Tiefensehen durch die Übung die Feinheit der Sehschärfe erreichen kann: eine Lagedifferenz der beiden Netzhautbilder von 10″ vermag schon einen Tiefeneindruck zu bewirken. Je weiter die zu beurteilenden Dinge vom Auge entfernt sind, um so größer muß ihr gegenseitiger Abstand sein, soll er noch als Tiefenunterschied erkannt werden: auf 1 m 0,4 mm, auf 50 m 1 m, auf 420 m 80 m, während über 2600 m kein Tiefenunterschied mehr aufgefaßt wird. Der Sehraum entspricht somit auch in dieser Hinsicht nicht dem geometrischen Raum.