Zu beachten ist noch, daß nur die feinen Lageunterschiede der Bilder auf den Querschnitten der Netzhaut den Tiefeneindruck hervorrufen. Solche Bilder heißen querdisparat, und die gekennzeichnete Lageverschiedenheit heißt Querdisparation. Die Verschiebung der Netzhautbilder infolge ihrer Verrückung aus der Kernfläche führt auch den Namen der binokularen Parallaxe.
Eine Anwendung der binokularen Parallaxe ist das Stereoskop. In geringem Abstand wird jedem Auge ein eigenes Bild dargeboten. Durch eine Prismenkombination wird nun erreicht, daß die nebeneinander liegenden Teilbilder auf die Deckpunkte beider Augen fallen. Diese Bilder wurden hergestellt, indem man etwa denselben Gegenstand gleichzeitig durch zwei in Augenweite voneinander entfernte Kameras photographierte. Somit erhält jedes Auge ein eigenes Bild, das jedoch nur wenig von seinem Gegenstück abweicht. Die solchermaßen gesicherte Querdisparation verursacht den körperlichen Eindruck des gesehenen Bildes. Darum kann umgekehrt das Stereoskop auch prüfen, ob zwei Bilder genau gleich oder auch nur um ein weniges voneinander verschieden sind. Echte Banknoten z. B. stammen aus derselben Druckerpresse. Symmetrisch unter das Stereoskop gebracht, müssen sie darum ein unkörperliches Bild ergeben. Springen jedoch einzelne Buchstaben und Striche aus der Bildebene hervor, so ist die Ungleichheit der Bilder und damit der verschiedenartige Ursprung der Drucke erwiesen.
4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung
An dieser Stelle kehrt die Streitfrage wieder, ob unsere Tiefenwahrnehmung angeboren oder erworben sei. Nachdem wir schon ausgeführt haben, daß und wie das Einauge eine vollkommene Tiefenwahrnehmung erlangen kann, dürfen wir von der historischen Entwicklung der Kontroverse absehen und können sogleich die Kernfrage nennen, um die sich heute der ganze Streit dreht. Auch der Nativist gibt heute zu, daß allein mit den Mitteln des Einauges tatsächlich eine Tiefenwahrnehmung zu erzielen ist. Er behauptet jedoch, daß die Querdisparation eine unmittelbare und wahre Empfindung der Tiefe vermittle, eine Empfindung, die uns zwar nicht die absolute Entfernung der Dinge vom Auge unmittelbar kennen lehrt, die jedoch die Lage der Gegenstände zu der Kernfläche zeigt. Aus diesem Grundkapital entwickle sich die vollkommene Tiefenwahrnehmung des Erwachsenen, für den schließlich die Querdisparation das feinste und eigentlichste Mittel zur Erkennung der Tiefenunterschiede wird. Man braucht ja nur ein Auge zu schließen, um alsbald eine beträchtliche Herabsetzung unseres Körperlichsehens festzustellen.
Dem Nativismus stehen für seine Ansicht schwerwiegende Gründe zu Gebote. Ihr wuchtigster dürfte der oben ([S. 91 f].) beschriebene Stereoskopversuch sein: die einfache Reizung querdisparater Netzhautpunkte bewirkt ohne irgendwelche anderen objektiven oder subjektiven Anhaltspunkte eine Tiefenwahrnehmung. Dazu kommt die große Schwierigkeit, den unleugbar anschaulichen Charakter des Tiefeneindruckes aus Vorstellungselementen verständlich zu machen. — Indes durchschlagend sind diese Beweise nicht. Solange es nicht möglich ist, bei einem operierten Blindgeborenen den Heringschen Stereoskopversuch mit Erfolg anzustellen, bleibt es erlaubt, den Tiefeneindruck bei querdisparater Reizung aus der Erfahrung herzuleiten: wie für den Einäugigen die monokulare Parallaxe, so entwickelt sich beim Normalen die binokulare zum Kriterium des Tiefensehens. Die Unmittelbarkeit des Tiefeneindruckes braucht dabei nicht zu überraschen. Denn ebenso unmittelbar lokalisieren wir auch einen Tastreiz, was uns nur auf Grund der Erfahrung möglich ist. Ferner glauben wir auch gezeigt zu haben, wie der Einäugige zu dem anschaulichen Inhalt seiner Tiefenwahrnehmung gelangt. Endlich dürfte noch zu beachten sein, daß die Tiefenauffassung, wenigstens bei dem erwachsenen Menschen, nicht auf die gleiche Stufe wie die Flächenwahrnehmung zu setzen ist. Wir möchten sie vielmehr der Gestaltwahrnehmung ([s. unten]) nahebringen. Auch bei dieser erleben wir unmittelbar und in gewissem Sinne anschauliche Eindrücke, die aber gleichwohl nicht als Empfindungen angesprochen werden können.
Die Empiristen berufen sich ihrerseits auf die vollkommene Tiefenanschauung der Einäugigen, mit der gewiß die Notwendigkeit, aber nicht eine etwa nachweisbare Tatsächlichkeit der Tiefenempfindung auszuschließen ist. Es liegen aber aus der jüngsten Zeit verschiedene Experimente vor, die den Empfindungscharakter querdisparater Erregungen als zweifelhaft erscheinen lassen. So wies Karpinska nach, daß sich die räumliche Auffassung bei stereoskopischer Betrachtung nur allmählich ausbildet, somit auch mehr Zeit benötigt als die Gesichtsempfindungen; daß sie an Schnelligkeit von der durch den Veranten vermittelten plastischen Auffassung übertroffen wird, bei dem bekanntlich nur Erfahrungskriterien wirksam sind; daß sie endlich durch die Einstellung des Subjektes ganz unterdrückt werden kann. Das Pseudoskop ferner, das durch Vertauschung der stereoskopischen Bilder das Relief der Dinge umkehrt, einen runden Balken sonach als Hohlrinne erscheinen läßt, vermag diese Umkehrung bei dem Bilde des menschlichen Gesichtes nicht zu erreichen; die Erfahrungsmomente überwinden hier also die Querdisparation. Sodann läßt sich der Effekt der Querdisparation an bloß einem Auge dadurch erzielen, daß man die für die beiden Augen bestimmten stereoskopischen Bilder in rascher Folge demselben Auge exponiert (Straub). Schließlich will Poppelreuter das flächenhafte, „malerische“ Sehen, das monokular leicht zu bewerkstelligen ist, nach einiger Übung auch binokular erlernt haben. Es lassen sich aber wohl Vorstellungen, nicht jedoch Empfindungen unter dergleichen Voraussetzungen unterdrücken. Nach dem Gesagten tragen wir kein Bedenken, die Position des Empirismus als die zur Zeit günstigere anzusehen.
Literatur
Über die nativistisch-empiristische Kontroverse und die ältere Literatur zu dieser vgl. Fröbes I, 2. Aufl., S. 331 ff.
[3] Vgl. die [S. 90] zitierte Arbeit.
[4] Eine Erklärungsmöglichkeit bietet die [S. 90] zitierte Arbeit.