, weil man den von den Schrägen eingeschlossenen Raum mit einbezieht (Müller-Lyer).
Literatur
K. Bühler, Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).
M. Wertheimer, Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol. Forschung (1922) I, S. 41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).
2. Kap. Die Zeitwahrnehmung
Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie ist eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des „Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in der Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese objektive Zeit erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt nur: Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?
Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun mancherlei. Wir sprechen von der Zeit im allgemeinen und von verschiedenen Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im allgemeinen und von verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da haben wir es mit der letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines Erlebnisses zu tun: wir sind zur begrifflichen Erfassung der Zeit vorgedrungen, eine Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe würdigen können. Wir beherrschen zweitens die zeitlichen Beziehungen: das Nacheinander, das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen wir davon ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis, daß wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung zu erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache und ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen der Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach dem Trinken kommt. Es ist dies eine Beziehungserfassung, die ohne Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten, eine so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung entgegen dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der systematischen Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir auch dem Tier die Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der Gleichzeitigkeit absprechen.
Drittens nehmen wir unmittelbar die Dauer wahr: das, was die Sinne uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die Erlebnisse in uns, das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden, tritt immer nur als ein dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in allen unseren Erlebnissen gegeben, wie das Ausgedehntsein in den Erlebnissen des Gesichts- und Tastsinnes gegeben ist. So verstanden, erlebt auch das Tier die Dauer. Sobald man jedoch nur diese eine Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse für sich betrachtet, hat man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir das Tier nicht für fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite individueller Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand der Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die Bezeichnung Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für die Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie geläufig war, stellte man dem Experiment zwei Hauptaufgaben: die Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.
Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei erkennt, die sich in einem Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀ Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene Netzhautpunkte von 10 σ (Pauli) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das Gehör nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das zeitliche Auflösungsvermögen dieser Sinne gefunden. Man weiß nun, wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann — an sich höchst bedeutsame Ergebnisse. Hinsichtlich der Dauerschwelle erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2 σ liegen muß.