Bei der Beurteilung von Zeitstrecken empfiehlt es sich, drei Hauptfälle auseinander zu halten: man beachtet die Dauer gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den Eintritt eines bestimmten Ereignisses abwartend.

Zu dem ersten Hauptfall gehören namentlich die experimentellen Vergleichungen zweier Zeitstrecken. Sind diese sehr kurz, dann achtet man in Wirklichkeit nicht auf die Dauer, sondern auf die Geschwindigkeit, mit der sich die die Zeitstrecke begrenzenden Reize folgen. Bei längeren Zeitintervallen, etwa bis zu 3″, scheint ein unmittelbarer anschaulicher Vergleich der Dauer möglich zu sein. Bei noch größerem Zeitabstand wird der unmittelbare Vergleich schwerer. Der Beobachter muß die Grenzreize, z. B. die Metronomschläge, mit sichtlicher Bemühung zusammenhalten, damit die Vergleichung zuverlässig bleibt. Das weist darauf hin, daß größere Strecken überhaupt nur an den sie ausfüllenden Erlebnissen gemessen werden können. Das ist nach unserer Auffassung der Dauer als eines unselbständigen Momentes zu erwarten und ist im Grunde auch bei dem Vergleich der kleineren Zeiten vorhanden. Nur daß hier die wenig ausgesprochenen Erlebnisse des Allgemeinbefindens hinreichen, während bei längerer Dauer charakteristische Dinge, wie aktives Bemühen, Nachkonstruieren der Zeitstrecke, Beachtung der Atembewegungen, der wachsenden Spannung u. ä., zu Hilfe genommen werden. Als allgemeine Regel ergab sich bei diesen Zeitvergleichungen: kleine Zeiten werden überschätzt, große werden unterschätzt; zwischen beiden liegt eine Indifferenzzone von 1–2″, die nahezu richtig beurteilt wird. Auf den Zeitvergleich wirken mancherlei Faktoren bestimmend ein: so die verschiedene Stärke der das Zeitintervall abgrenzenden Signale; das intensivere Signal verkürzt das Intervall, wenn es an dessen Anfang steht, es verlängert es, wenn es das Intervall abschließt. Doch gehören diese Dinge in die Psychologie des Vergleiches.

Erlebt man vielerlei während einer bestimmten Spanne objektiver Zeit und achtet gleichzeitig auf die Dauer, so erscheint sie einem lang; achtet man hingegen nicht auf die Zeit, so wird man von dem Ende der Zeitspanne überrascht. Daher auch der große Unterschied bei dem Vergleich von leeren und ausgefüllten Zeitstrecken, der sich aber je nach der Aufmerksamkeitsrichtung des Beobachters anders geltend macht. In der Erinnerung hingegen wird eine erlebnisreiche Zeitspanne größer erscheinen als eine erlebnisarme. Da uns für die Wahrnehmung der Zeit kein besonderes Sensorium zur Verfügung steht, und der absolute Eindruck des Langen oder Kurzen nur aus der Menge der durchschnittlich in der Zeiteinheit erlebbaren Ereignisse entsteht, so begreift man auch, daß bei einer außergewöhnlichen Steigerung des Vorstellungslebens, wie sie etwa der Haschischgenuß hervorruft, die Dauer geläufiger Verrichtungen merkwürdig gesteigert zu sein scheint: das Passieren einer Straße will kein Ende nehmen, weil außergewöhnlich viele Bilder durch den Geist des Gehenden ziehen.

Im dritten Hauptfall erwarten wir ein zukünftiges Ereignis. An sich verfließt uns da die Zeit nicht langsamer als sonst, aber wir konstatieren immer wieder, daß unser Verlangen noch nicht erfüllt ist. Damit verdrängen wir gleichzeitig Gedanken und Beschäftigungen, die uns zerstreuen könnten, und es entsteht die Langeweile.

Offenbaren die genannten Verhältnisse die Relativität und Subjektivität unserer Zeitschätzung, so zeigt die „Zeitverschiebung“ unsere Unfähigkeit, ein Jetzt zu fixieren, wenn es durch zwei disparate Sinneseindrücke gekennzeichnet wird. Diese Tatsache ist unter dem Namen der persönlichen Gleichung schon lange in der Astronomie bekannt: zwei Beobachter werden niemals in übereinstimmender Weise angeben, an welcher Stelle des Fadenkreuzes der durchgehende Stern beim Ertönen des Sekundenschlages stand. Wundt prüfte dies genauer durch „Komplikationsversuche“. Die Vp hat einen sich bewegenden Zeiger zu beobachten und festzustellen, wo der Zeiger stand, als ein Glockensignal ertönte. Anfangs wird in der Regel eine Stellung vor der richtigen, später eine solche hinter der zutreffenden genannt. Man hört also im Anfang gewissermaßen das Signal, bevor es gegeben ist, und später scheinbar erst, nachdem es schon erklungen. Die Erklärung des Phänomens ist noch umstritten. Man wird es nicht einfach mit Wundt auf die verschieden lange Apperzeptionszeit der beiden Reize zurückführen können, sondern beachten müssen, auf welchen Reiz der Beobachter jeweils eingestellt ist: die Auffassung jenes Sinnesreizes, den die Vp zunächst erwartet, ist begünstigt und erfolgt darum vor der des anderen Reizes (Michotte). Erhellt man die Fensterreihe eines Schirmes gleichzeitig durch eine Geißlerröhre und läßt eines der Fenster beachten, so scheint die Aufhellung von dieser Stelle auszugehen (Bethe).

Eine weitere Ungenauigkeit in der Zeitauffassung, die jedoch unserem ganzen Denken und Leben zum Heile gereicht, begehen wir bei der Auffassung des Jetzt. Das objektive Jetzt kann nur in einem unteilbaren Augenblick bestehen, das subjektive Jetzt, die „psychische Präsenzzeit“ hingegen umfaßt mehrere Sekunden. Das in dem punktförmigen Jetzt Erlebte entschwindet nämlich beim Gesunden nicht stracks dem Bewußtsein. Es verweilt zwar nicht mehr im Mittelpunkt, es verliert auch je länger, je mehr an Klarheit und Ausgeprägtheit, aber es steht doch noch so vor unserem Geiste, daß wir es nicht zu reproduzieren, sondern nur zu beachten brauchen, falls wir es noch einmal zu besehen wünschen, während wir die Erlebnisse der früheren Vergangenheit überhaupt erst wieder ins Bewußtsein zurückführen müssen. Der große Vorteil dieser Einrichtung liegt auf der Hand und wird besonders gewürdigt, wenn krankhafte Übermüdung des Gehirns den Faden der psychischen Kontinuität abreißen läßt.

Das stufenweise Verblassen der eben dagewesenen Erlebnisse verleiht diesen gewissermaßen Temporalzeichen, an denen ihre zeitliche Folge erkennbar bleibt: je verblaßter der Bewußtseinsinhalt, um so älter ist er. Vermittels dieser Temporalzeichen glaubte man eine streng empiristische Zeittheorie entwerfen zu können, ganz ähnlich wie Lotze es beim Raum versucht hatte: die Dauer würde nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern entstünde erst aus den Bewußtseinsinhalten samt ihren Temporalzeichen. Allein wenn wir den Übergang von dem Jetzt in die Vergangenheit oder vielleicht auch nur von dem Sosein in das Anderssein nicht unmittelbar als solchen erleben, werden wir aus den genannten Elementen ebensowenig die Zeit integrieren, wie wir den Raum aus den Lokalzeichen gewinnen konnten. Man muß darum auch bei der Zeit- bzw. der Veränderungswahrnehmung ein geringes Anfangskapital im Sinne des Nativismus voraussetzen. Alles weitere — und das ist das wichtigste Ergebnis der Experimente — wird in der Erfahrung gewonnen.

Wie wir Abgrenzungen des Raumes zu Raumgestalten vereinigen, so fassen wir Abgrenzungen der Zeit zu Zeitgestalten zusammen: zwei Zeitmarken (Taktschläge, Lichter, Berührungen) bilden zusammen mit ihrem zeitlichen Intervall eine Zeitstrecke. Mehrere Zeitstrecken schließen sich zu einer rhythmischen Gestalt zusammen. Dabei pflegt eine oder mehrere der Zeitmarken durch die Beachtung betont zu werden. Diese Hervorhebung einzelner Zeitmarken kommt praktisch einer Intensitätssteigerung gleich, ist mit ihr jedoch nicht identisch: sie kann ja auch den merklich schwächeren Reizen zugewiesen werden.

Da viele unserer Bewegungen, namentlich unser Gang, rhythmisch gegliedert sind, lösen rhythmische Eindrücke alsbald unwillkürliche Bewegungen aus. Darum meinte G. E. Müller, die rhythmische Auffassung objektiv völlig gleichmäßiger Reize sei nur eine Folge früherer Erfahrungen. Koffka versuchte diese Ansicht experimentell zu widerlegen: optische Eindrücke sollen mit Ausschluß jeglicher Bewegungsimpulse dennoch rhythmisch erlebt werden können. Es wird schwer sein, hierfür einen unanfechtbaren experimentellen Beweis zu liefern. Aber da der Gedanke G. E. Müllers auf dem Gebiet der übrigen Gestaltwahrnehmungen versagt und das Rhythmuserlebnis den gleichen Charakter wie die anderen Gestaltwahrnehmungen trägt, werden wir es wie diese in der Hauptsache auf das aktive Zusammenfassen und auf das Erleben der Beziehungen zwischen anschaulichen Elementen zurückführen, während wir der subjektiven Betonung der objektiv gleichmäßigen Zeitmarken nur eine vorbereitende Rolle zuteilen.

Literatur