2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze
1. Die Methodik der Assoziationsforschung
Die inhaltliche Erforschung der aufeinander spontan folgenden Vorstellungen ergab die drei bzw. fünf Reproduktionsgesetze, die sich auf eines bzw. zwei zurückführen ließen. Die qualitative Erforschung des Reproduktionsvorganges ist noch kaum in Angriff genommen, vielfach gar nicht als besondere Aufgabe erkannt. Die quantitative Forschung hingegen ist an dem Spezialfall der willkürlichen Einprägung ausgiebig untersucht worden. Bahnbrecher war hier H. Ebbinghaus, während G. E. Müller das Verdienst der kritischen Nachprüfung und allseitigen Ausgestaltung der Ebbinghausschen Gedanken zukommt.
Ebbinghaus’ großer Gedanke war der, Maß und Zahl an die Einprägungsvorgänge, durch die bekanntlich Assoziationen gestiftet werden, heranzubringen. Der Versuch, dies bei der Erlernung von Gedichten zu tun, zeigte alsbald, daß das Lernmaterial zu ungleich war, als daß die einzelnen Lernversuche und ihre Ergebnisse miteinander hätten verglichen werden dürfen. Ebbinghaus bildete darum aus je einem Vokal und zwei Konsonanten sinnlose Silben (lap) und setzte sie zu Silbenreihen zusammen. Später druckte man diese Silben untereinander auf einen Streifen und ließ sie ruckweise hinter einem Lesespalt erscheinen. Bei diesem Vorgang ist nun eine mannigfache Messung möglich. Desgleichen sind die Aufgaben sehr verschieden, die man der Vp stellen kann. Aufgabe und Messung charakterisieren nun die verschiedenen Methoden der Assoziationsforschung.
Die Erlernungsmethode stellt als Methode des unmittelbaren Erlernens die Aufgabe, eine Silbenreihe bis zum glatten Aufsagen zu erlernen. Dabei wird die ganze Silbenreihe stets auf einmal gelesen und als ganze eingeprägt. Hier ist die Zahl der erforderlichen Wiederholungen sowie die Schnelligkeit des einprägenden Lesens das quantitative Element. — Das Ersparnisverfahren setzt einmal erlernte und teilweise wieder vergessene Reihen voraus und zählt, wieviele Wiederholungen aufgewandt werden müssen, bis die Reihe wieder ohne Anstoß hergesagt werden kann. Aus der Anwendung beider Methoden läßt sich etwa ermitteln, wie das Vergessen eines eingeprägten Stoffes voranschreitet. Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß gleich lange Reihen unter sonst gleichen Bedingungen durchschnittlich dieselbe Anzahl von Wiederholungen benötigen, um erstmals eingeprägt zu werden. In der Tat gilt diese Voraussetzung: die Wiederholungszahlen der verschiedenen Lernversuche scharen sich verhältnismäßig dicht um einen Hauptwert, etwa das arithmetische Mittel, ein Beweis, daß auf diesem Gebiete eine strenge Gesetzmäßigkeit herrscht. — Will man die Reihe nicht vollständig auswendig lernen lassen, so bietet man nach einer gewissen Zahl von Wiederholungen einzelne Silben der Reihe dar und läßt die auf sie folgende Silbe aussprechen. Das Verhältnis der richtigen Treffer (daher der Name Treffermethode) r zur Zahl aller Prüfungen n, also r/n, gibt ein Maß der Assoziationsstärke. Auch die Geschwindigkeit, mit der auf die vorgezeigte Silbe die zu ihr gehörige ausgesprochen wird, ist von Bedeutung. Natürlich erhält man durch keine der genannten Messungen eine absolute Wertangabe für die Stärke der Assoziation, sondern nur eine relative. Auch sind die Ergebnisse der Erlernungs- und der Treffermethode nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar, weil das subjektive Verhalten bei beiden nicht genau dasselbe ist. Andere Methoden, wie die der behaltenen Glieder und die der Hilfen, die entweder die von einer Reihe behaltenen Glieder oder die Anzahl der Hilfen zählt, welche der Vl gewähren muß, damit eine Reihe ganz aufgesagt werde, ebenso die Wiedererkennungsmethode, die nach wenigen Wiederholungen einer Reihe deren Silben vorführt und angeben läßt, ob man sie als Bestandteile der früheren Reihe wiedererkennt, sind von untergeordnetem Werte und nur für bestimmte Versuchszwecke passend.
Die bis jetzt genannten Methoden erforschen nur die unter ganz bestimmten und bekannten Bedingungen gestifteten Assoziationen, und zwar sowohl den Prozeß der Assoziationsstiftung, wie auch den Grad der Assoziationsfestigkeit und deren Verfall. Andere Methoden untersuchen die Stärke jener Assoziationen, die das Leben gestiftet hat: die Assoziationsreaktionen. Bietet man optisch oder akustisch einer Vp ein Wort dar mit der Anweisung, das nächst einfallende Wort auszusprechen, und wiederholt diesen Versuch bei möglichst vielen Individuen, so stellt sich heraus, daß ein hoher Prozentsatz der Vpn auf das nämliche Reizwort mit demselben Reaktionswort reagiert, auf „Blitz“ wird die Mehrzahl der Erwachsenen mit „Donner“ antworten. Je mehr Individuen sich auf die gleiche Reaktion einigen, um so stärker ist die Assoziation zwischen dem Reiz- und dem Reaktionswort. An diesem Grundschema der Assoziationsreaktion lassen sich nun mannigfache Variationen anbringen: Man kann die Reizvorstellung und die Art ihrer Darbietung verändern (Wort- oder Sachvorstellung, akustische oder optische Darbietung); man kann ferner die Art der Reaktionsvorstellung ganz in das Belieben der Vp stellen oder sie mehr und weniger einschränken, indem man z. B. eine verwandte oder entgegengesetzte Vorstellung finden läßt; man kann statt einer Vorstellung eine Reihe solcher sich entwickeln lassen. Bei all diesen Versuchen ist die Messung der Reaktionszeiten lehrreich. Nur darf man sich nicht mit den Angaben der Reaktionsvorstellungen begnügen, sondern muß auf Grund der rückschauenden Selbstbeobachtung jedesmal das ganze Erlebnis schildern lassen. Sehr häufig ist nämlich das Reaktionswort gar nicht die erste durch die Reizvorstellung ausgelöste Vorstellung, weil die Vp, ohne sich recht darüber klar zu sein, gewisse Anforderungen an die Reaktionsvorstellungen heranbringt. Selbstverständlich kann man auch den subjektiven Zustand der Vp variieren, indem man die Versuche entweder im frischen oder im ermüdeten oder in einem durch Alkohol u. dgl. beeinflußten Zustand ausführt.
2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung
a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der Assoziationsstärke
Ein einmaliges Bewußtwerden eines Erlebnisses kann bekanntlich dies dauernd einprägen, falls das Vorkommnis sehr eindrucksvoll ist. Die einmalige Vorführung indifferenter Inhalte jedoch, wie sinnlose Silben, Zahlen, zusammenhanglose Worte, ist nur dann von Erfolg, wenn es sich um eine geringe Zahl solcher Inhalte handelt: 6–7 sinnlose Silben, 10–12 Zahlen oder Buchstaben können von Erwachsenen nach einmaligem Lesen oder Hören aufgesagt werden; von sinnvollen oder gar zusammenhängenden Worten kann ungleich viel mehr behalten werden. Wir fassen eben die Wörter nicht nach ihren Elementen, den Buchstaben, und die Sätze nicht nach ihren einzelnen Wörtern auf, sondern beachten und behalten jedesmal die Einheiten. Indes wird durch einmaliges Darbieten einer solchen kurzen Reihe keine bleibende Assoziation gestiftet. Die wahrgenommenen Elemente verharren vielmehr im Sekundärerlebnis noch eine kurze Zeitspanne, so daß die etwa dargebotenen sechs sinnlosen Silben gleichzeitig im Bewußtsein stehen und darum nochmals wiedergegeben werden können. Man spricht hier vom unmittelbaren Behalten. Wird jedoch dessen Spannweite überschritten, werden statt sechs etwa neun sinnlose Silben vorgeführt, dann werden nicht etwa sechs behalten und drei vergessen, sondern von den neun lassen sich kaum zwei bis drei nennen. Die Spannweite des unmittelbaren Behaltens ist nach Alter, Individuum und Frische sehr verschieden.
Überschreitet die Silbenreihe eine gewisse Länge, so sind zu ihrer Einprägung mehrere Wiederholungen erforderlich; für eine 12silbige Reihe etwa 16 Wiederholungen. Es fragt sich nun: wie wächst die Zahl der zur Einprägung notwendigen Wiederholungen, wenn die zu erlernende Reihe vergrößert wird? Man könnte erwarten, daß die Zahl der Wiederholungen in gleicher Weise steigen würde wie die der Silben. Anderseits wäre es aber auch möglich, daß die Wiederholungszahl nicht anwüchse, da bei jeder Reihenlänge doch immer nur die Assoziation zwischen je zwei Silben zu stiften, somit die gleiche Leistung zu vollbringen ist. Aber keine dieser Möglichkeiten verwirklicht sich, sondern die Wiederholungszahl steigt anfangs sehr schnell, später langsamer. Ebbinghaus gibt folgende Zahlen an: Anzahl der Silben: 7, 12, 16, 24, 36; notwendige Wiederholungen: 1, 16,6, 30, 44, 55. Eine ganz befriedigende Erklärung dieser Gesetzmäßigkeiten gibt es noch nicht. Sicherlich ist die Erlernung von 36 Silben eine größere Leistung als die von drei Zwölferreihen, da im ersten Fall 36, im letzten nur je 12 Silben am Ende der Reihe gleichzeitig gewußt werden müssen.